Alpinismus in Uri - Die ersten Bergführer vom Isenthal
- Eva-Maria Müller

- vor 2 Tagen
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Heinrich Zeller-Horner war bei seiner Erstbesteigung des Uri Rotstocks nicht allein. Er wurde vom Jäger Infanger begleitet, der die Route wählte und das Wetter einschätzen konnte. Er war wohl der erste Bergführer im Tal.
Die Forscher brauchten Bergführer
Um Expeditionen in die Gletscherwelt sicher zu bestehen, brauchte es erfahrene, einheimische Bergführer. Ohne Karten und ohne Wanderwege war das Bergsteigen eines unbekannten Gipfels in unwegsamem Gelände ein riskantes Unterfangen, das Mut und Geschick verlangte. Die Führer waren meist Jäger oder Wildheuer. Sie kannten das Gelände wie sonst niemand, weil sie im Herbst auf der Suche nach dem Wild stundenlang steile Flanken erklommen, Wildbäche querten oder dichte Wälder durchdrangen. Auf ihre Ortskenntnis konnten sich die Städter verlassen. Damit war der Berufszweig der Bergführer begründet.

Erste Literatur zum frühen Alpinismus
Nur wenige Jahre nach der Erstbesteigung des Uri Rotstocks verfasste ein anderer Besucher des Isenthals einen Bericht über das Tal und seine Besteigung des Gipfels. Georg Hoffmann, ein Tuchhändler aus Basel, war ebenfalls ein begeisterter Alpinist.
Ihm verdanken wir malerische Schilderungen über das Leben in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Isenthal und in anderen Alpenregionen.
Er beschreibt die Isenthaler als sehr kräftige Menschen, die zwar ihre Armut betonten, aber mit ihrem Leben zufrieden seien. Sein Bericht spart nicht mit den eindrücklichsten Bildern über das Dorf und die erhabene Bergwelt. Solche Artikel lockten im Lauf der Jahre immer zahlreichere Besucher an. Ihm verdanken wir auch die Beschreibung des ersten Bergführers dort.

Der erste Bergführer im Isenthal: Der Jäger Karl Infanger
Hoffmann nennt seinen Führer mit Namen: Karl Infanger. Er und lobt ihn für seine Ortskenntnisse und seiner Bedachtheit, denn der erste Versuch, den Gipfel zu erreichen, fiel buchstäblich ins Wasser. Die beiden Berggänger mussten umkehren, als es erst zu regnen und später zu schneien begann. Wie gefährlich die Tour war, geht aus folgender Beschreibung hervor:
Verschiedene solcher Schneelagen hatte ich bereits glücklich überschritten, als wir an eine so hart gefrorene kamen, dass kein Tritt haften wollte; ich glitschte aus, fiel hin, und nur ein rascher Griff meines allzeit achtsamen Führers hielt mich von einer unfreiweilligen Fahrt in eine Tiefe von beiläufig zweihundert Fuss [ca. 60 m] zurück, mit welcher indessen keine ernstliche Gefahr verknpüft gewesen wäre.
Die Familie des Bergführers Karl Infanger
Im Isenthal konnte damals niemand vom Beruf eines Bergführers leben. Karl Infanger war Schreiner, Säger und leidenschaftlicher Jäger. Er hatte eine grosse Familie, die Hoffmann folgendermassen beschreibt:
Sein vor zwei Jahren neu erbautes Haus steht als sprechendes Bild der sorgfältigsten Reinlichkeit da. Als Familienvater hält er die musterhafteste Ordnung, ohne welche freilich bei seiner zahlreichen Familie das Hauswesen zerfallen würde, denn nicht weniger als zehn lebende Kinder versammeln sich, wie die Ölzweige, um seinen Tisch. Die vier letzt geborenen sind Zwillinge, die beiden jüngsten derselben traf ich auf der Neienalp im kleinen Isenthale in der Wiege an. Er hatte aber fünfzehn Kinder gehabt...
Auffällig ist, dass Hoffmann Infangers Frau mit keinem Wort erwähnt. Sie ist es ja wohl eher, die das Haus in Ordnung hält, wenn ihr Mann Alpinisten begleitet oder tagelang auf die Jagd geht.
Die Entwicklung des Alpinismus im 19. Jahrhundert
Nachdem der Schweizerische Alpenclub (SAC) 1863 gegründet worden war, entwickelte sich der Alpinismus schnell weiter. Der Club bildete Bergführer aus, die nun Touristen auf die Gipfel begleiteten. Damit war das Gewerbe geregelt. Da der Uri Rotstock einen imposanten Rundblick bietet, war und ist er bis heute ein beliebtes Ziel.
Nicht nur der Uri Rotstock wurde vom Isenthal aus begangen, sondern auch zahlreiche andere Touren. Besonders beliebt waren Übergänge in andere Täler, z. B. nach Engelberg. In den Reiseführern der Zeit, z. B. im bekannten Baedeker, wurden sie beschrieben und die Tarife genannt. Ich staunte sehr, wie gut die Kondition der Touristen gewesen sein muss, die solche anstrengenden Wege auf sich nahmen.
Die Rolle der Bergführer
Da die Alpen damals kaum erschlossen waren, waren ortskundige Führer unverzichtbar. Sie übernahmen nicht nur die Orientierung im Gelände, sondern auch die Sicherheit für ihre Kunden. Die Zusammenarbeit zwischen den auswärtigen Bergsteigern und den einheimischen Führern war eine wichtige Grundlage für den Erfolg vieler Expeditionen.
Die Ausrüstung war denkbar einfach: Ein Seil, um Abschnitte über den Gletscher zu sichern, ein Eispickel, genagelte Schuhe. Also kein Vergleich mit den hoch entwickelten Tourenutensilien, die heute zur Verfügung stehen.
Die Preise für eine Tour
In einem Jahrbuch des SAC von 1906 kostete die Tour von Isenthal auf den Urirotstock 15 Franken. Das war für nur für Leute mit gutem Einkommen erschwinglich. Ein Fabrikarbeiter hätte dafür etwa 4 - 5 Tage arbeiten müssen und während der Tour kein Einkommen gehabt.
Auf der anderen Seite bedeutete dieser Betrag einen substantiellen Zustupf für die Bergführer und ihre Familien.

Die Bewertung der Bergführer vor Social Media
Schon bald mussten die Bergführer eine Prüfung ablegen und ein Tourenbuch führen. Darin waren sämtliche Paragraphen abgedruckt, damit der Tourist über Rechte und Pflichten Bescheid wusste. In diesem Buch bewerteten die Touristen die Tour.
Ein solches Buch von 1906 ist noch erhalten und gibt Einblick in das damalige Gewerbe.

Herr Joseph Gasser in Isenthal hat mich heute als Führer auf den Urirotstock begleitet, mit Abstieg nach Engelberg und kann ich mich über seine Wegkenntnisse wie auch über sein ganzes Verhalten nur lobend aussprechen. Ich kann ihn daher allen Bergfreunden als zuverlässigen und angenehmen Begleiter wärmstens empfehlen.
Die Entwicklung des Alpinismus in Isenthal
Isenthal blieb lange Zeit abgeschieden und wenig besucht. Trotzdem entwickelte sich mit der Zeit der Tourismus. Bis heute gibt es hier ortskundige Bergführer. Das Gebiet ist mit Hotels, Gasthäusern, Seilbahnen und Clubhäusern bestens erschlossen und international sehr beliebt. Gut ausgebaute Wanderwege ermöglichen auch weniger geübten Leuten die Gipfel zu erreichen.
Heinrich Zeller-Horner, Georg Hoffmann und allen voran, die Familie Infanger, haben den Grundstein für diese Entwicklung im Uri Rotstock Gebiet gelegt.
Mein Bezug zum Thema
Bei meinen Recherchen zum historischen Roman "Die Urgrossmutter" bin ich auf diese Details gestossen. Im ersten Band "Mädchenträume" habe ich das Tal beschrieben. Die Familie Infanger gehört zu meinen Vorfahren aus dem Isenthal. Sie können die Bücher hier im Shop oder in jeder Buchhandlung kaufen.
Quellen
Bergführerbuch von 1906: https://isenthaler.ch/project/bergfuehrerbuch-von-josef-gasser-gasser/
Hoffmann Georg: Wanderungen in der Gletscherwelt, Zürich 1843: https://isenthaler.ch/wp-content/uploads/2019/02/Wanderungen-in-der-Gletscherwelt-Isenthal-von-1843.pdf
Jahrbuch des Schweizer Alpenclub 1906
Bild Alpinisten: http://doi.org/10.3932/ethz-a-001559764
Bild Johann Heinrich Müller: zwischen 1870 und 1890: Johann Heinrich Müller (1825-1894), Public domain, via Wikimedia Commons
Historische Fakten
Ort: Uri Rotstock, Isenthal, Kanton Uri
Zeitraum: 19. Jahrhundert
Personen: Georg Hoffmann, Karl Infanger
Folgen: Beginn des Alpinismus und des Tourismus in Isenthal



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