Frauenalltag im 19. Jahrhundert: Als Feuer machen noch eine Kunst war
- Eva-Maria Müller

- vor 4 Tagen
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Warum Feuer machen so schwierig war.
Wie jeden Morgen um fünf war die ganze Wohnung dunkel und kalt. Der Herd war über Nacht ausgegangen. Die Hausfrau hüllte sich in ein warmes Tuch, tastete sich in die Küche, wo sie genau wusste, wo ein länglich viereckiges Kästchen aus weissem Blech stand, in dem vier Gegenstände darauf warteten, von ihr benutzt zu werden: ein Stahlstab, ein Stück Feuerstein, Schwefelfaden und in einem mit Blech ausgekleideten Behälter eine braunschwarze trockne Masse, die man "Zunder" nannte.
Es gehörte viel Geschick und Erfahrung dazu, den Stahl gegen den Feuerstein zu schlagen, sodass die Funken sprühten. Mit etwas Glück fiel einer auf den Zunder, begann zu glimmen. Die Mutter blies vorsichtig hinein, um die Flamme zum Brennen zu bringen. Aber oft reizte sie der Schwefeldampf, brachte sie zum Husten und Niessen, sodass das kleine Licht wieder auslöschte und die Arbeit von Neuem beginnen musste. Ohne Feuer gab es kein Licht. Ohne Feuer gab es weder warmes Wasser noch ein Frühstück. Feuer machen war eine lebensnotwendige Kunst. Der Frauenalltag im 19. Jahrhundert war sehr beschwerlich, auch wenn das kaum jemand richtig wertschätzte.

Wie Zündhölzer den Frauenalltag im 19. Jahrhundert veränderten
Was für eine Erlösung bedeutete es für Millionen von Frauen, als ein so simples Ding wie das Streichholz auf den Markt kam. Diese Erfindung war weit mehr als eine technische Neuerung! Ein kurzer Strich gegen die Reibefläche und jeder Winkel konnte sofort erleuchtet werden.
Louise Otto-Peters, eine bekannte frühe Feministin, beschreibt dies 1876 so: "Es war eine That, so weltbewegend, so befreiend, so symbolisch wie die Anlegung der Eisenbahnen. "Die grosse Rennbahn der Freiheit" nannte ein österreichischer Dichter, Karl Beck, damals die Eisenbahn – das Streichhölzchen aber, der Lichtbringer, liess nun eben keinen Winkel mehr unbeleuchtet, ermächtigte jede Hand, selbst die jedes Kindes, nun Licht zu machen. Es drang in das Haus, es half die Wirthschaft, die Küche reformieren – es erlöste Tausende, Millionen von Frauen von der Sorge um Licht. Sie konnten fortan ruhig schlafen – sie wussten, dass sie beim Erwachen am frühen Morgen nicht gleich mit einer schweren, problematischen Arbeit zu beginnen hatten, sondernsie konnten gleich wohlgemuth an ihr Tagewerk gehen."

Eine Zündholzfabrik in Uri 1861 - 1867
Die Nachfrage nach Zündhölzern war so gross, dass fast in jedem Schweizer Kanton Streichholzfabriken entstanden, weil die Erfindung so begehrt war. Auch Uri bildete keine Ausnahme. Kaum jemand weiss heute, dass in Erstfeld zwischen 1861 und 1867 eine mechanische Zündholzfabrik stand.
Die Brüder Z’graggen richteten sie in einer Holzsäge am "Altbach" ein. Etwa 20 bis 30 Personen sollen hier beschäftigt gewesen sein. Am Haus gab es zusätzlich ein kleines Wohnhäuschen, wo Trockenräume für Zündhölzchen entstanden.
Ein Bericht aus dem Jahr 1869 erwähnt lediglich zwei zwölfjährige Kinder, die täglich zehn Stunden lang Holzschachteln herstellten. Welche weiteren Personen in der Fabrik arbeiteten, geht aus der Quelle nicht hervor.
Warum die Streichholzfabrik schon nach wenigen Jahren wieder verschwand
Bald war die Nachfrage nach Zündhölzern in ganz Europa riesig. In Schweden entstanden nun neuartige Fabriken. Sie stellten die Streichhölzer maschinell her und überschwemmten mit dieser billigen Ware den Markt. Nicht nur in Erstfeld wurde die Fabrik wegen Absatzschwierigkeiten nach wenigen Jahren wieder geschlossen. Auch in anderen Regionen verloren die Leute die begehrte Arbeit bald wieder. Die Industrialisierung verdrängte die kleineren Betriebe.
Frauenarbeit im Verborgenen
Wenn wir heute morgens einen Lichtschalter betätigen oder ein Streichholz entzünden, denken wir kaum darüber nach. Das ist für uns selbstverständlich. Für unsere Urgrossmütter gehörten solche Handgriffe zu den grossen Erleichterungen ihres Alltags. Das Zündholz löste zwar nicht alle Probleme der Frauen, doch es schenkte ihnen jeden Morgen ein wenig Zeit und nahm ihnen eine Sorge ab. Viele mussten trotzdem weiterhin zum Familieneinkommen beitragen, wie ich im Artikel über Frauenarbeit in Uri dargelegt habe.
Quellen
Otto-Peters Louise: Bürgerliche Hauswirtschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Aus: Frauenleben im Deutschen Reich. Erinnerungen aus der Vergangenheit. Leipzig 1876. Zitiert nach Gerhard Ute: Verhältnisse und Verhinderungen, S. 290ff
Weigelt Dieter: Zündholzfabriken in Uri: https://www.zuendholzmuseum.ch/de/forschung_ur.html
Blog Schweizerisches Landesmuseum: https://blog.nationalmuseum.ch/2025/12/frutigen-und-die-giftigen-zuendhoelzer/
Historische Fakten
Ort: Kanton Uri, Erstfeld, und ganze Schweiz
Zeitraum: frühes 19. Jahrhundert
Volkskunde: Alltagsroutine von Frauen
Kulturgeschichte: Erfindung des Streichholzes



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