Frauenarbeit im 19. Jahrhundert: Warum berufstätige Frauen in Uri kaum sichtbar sind
- Eva-Maria Müller

- 16. Juli
- 5 Min. Lesezeit
Wer alte Statistiken durchsieht, könnte leicht meinen, Frauen hätten im 19. Jahrhundert kaum für Lohn gearbeitet. Tatsächlich war das Gegenteil der Fall. Ob im Haushalt, auf dem Feld, in Werkstätten oder in kleinen Geschäften – Frauen trugen wesentlich zum Einkommen ihrer Familien bei. Weil sie jedoch rechtlich bevogtet waren und ihre Arbeit selten offiziell erfasst wurde, sind viele ihrer Leistungen heute fast vergessen. Während meiner Recherchen für meine historischen Romane stiess ich immer wieder auf Frauen, die weit mehr leisteten, als wir ihnen heute zutrauen würden. Frauenarbeit war sehr vielgestaltig und musste oft die Pflege von Kindern mit der Arbeit verbinden.
Warum Frauen offiziell gar nicht arbeiten sollten
Nach dem damaligen Recht standen Frauen aufgrund ihres Geschlechts unter Vormundschaft. Verheiratete Frauen konnten weder eigenständig Verträge abschliessen noch ein Unternehmen führen oder frei über Vermögen verfügen. Diese Entscheidungen traf ihr Ehemann oder ein anderer Vogt.
Erst mit der Revision der Bundesverfassung von 1874 erhielten ledige Frauen und Witwen mehr rechtliche Möglichkeiten. Aber die Geschlechtervormundschaft war nicht völlig aufgehoben. Für verheiratete Frauen blieb die wirtschaftliche Selbstständigkeit weiterhin stark eingeschränkt. Die
Ehemänner konnten weiterhin über ihre Frauen bestimmen. Gerade deshalb erstaunt es umso mehr, wie viele Frauen dennoch Geld verdienten.

Berufsbildung war für Mädchen kaum vorgesehen
Die Schulzeit war für die meisten Mädchen in Uri sehr kurz. Nach der Primarschule halfen sie für gewöhnlich im Haushalt, auf dem Hof oder im Geschäft des Vaters mit. Das taten sie, bis sie geheiratet wurden. Danach war Mutter ihr offizieller Beruf. Viele konnten wohl kaum richtig lesen, schreiben oder rechnen.
In der so genannten Sekundarschule für Mädchen standen nur weibliche Handarbeiten auf dem Stundenplan. Sie wurde nur von wenigen besucht.
Für eine höhere Ausbildung mussten die Töchter den Kanton verlassen und ein Institut im Tessin oder in der Westschweiz besuchen. Weil das teuer war, kam das für die wenigsten Familien infrage. Die gymnasiale Bildung mit einer Matura war für Mädchen in Uri erst ab 1969 möglich.
Die Berufe Hebamme und Lehrerin waren die einzigen anerkannten Ausbildungen, die jungen Frauen offenstanden. Oft bezahlten die Gemeinden das Lehrgeld für die Mädchen, verlangten aber, das die mehrere Jahre in der Gemeinde blieben.
Bereits im Jahr 1876 beanstandete die Schweizerische Lererzeitung die mangelnde Berufsbildung für Mädchen. Erstaunlich fortschrittlich forderte sie eine solide Ausbildung auch in Mathematik und naturwissenschaftlichen Fächern, und sogar Unterricht in Buchführung wurde empfohlen. Sie argumentierte im Ton der aufkeimenden Bewegung zur Emanzipation der Frauen.

Die Erwerbsarbeit der Frauen blieb lange unsichtbar
Trotz fehlender Ausbildung fanden Frauen unzählige Möglichkeiten, zum Lebensunterhalt ihrer Familie beizutragen. Sie nähten Kleidung, spannen Garn, webten Stoffe oder fertigten Strickwaren. Andere verkauften Gemüse, Obst, Beeren, Kräuter oder Dörrobst auf den Märkten. Viele stellten Butter oder Käse her, hielten Ziegen, Schweine, Hühner oder arbeiteten als Wäscherinnen, Näherinnen oder Tagelöhnerinnen. Zur Erntezeit halfen sie gegen Lohn auf fremden Feldern. Manche arbeiteten sogar beim Dreschen. Frauen fanden Arbeit in Krämerläden, Druckereien oder als Heimarbeiterinnen. Sie lieferten Waren aus, bedienten Gäste in Wirtschaften oder handelten mit kleinen Waren. Ein grosser Teil ihrer Arbeit fand jedoch im eigenen Haushalt oder im Betrieb des Ehemannes statt, weshalb er selten in einer Statistik berücksichtigt wird.
Unternehmerinnen gab es häufiger, als man denkt
Obwohl Frauen rechtlich so sehr benachteiligt waren, führten manche erstaunlich erfolgreich eigene Betriebe. Meine Protagonistin Josi ist kein Einzelfall. Vor allem Witwen entwickelten ihre Geschäftstüchtigkeit nach dem Tod des Gatten. Entweder übernahmen sie den Betrieb ihres Ehemannes oder sie gründeten selbst ein Unternehmen.
Einige Beispiele: Die angesehene Druckerei Högger in Altdorf wurde während einigen Jahren von der Witwe geführt. In meinem Roman Schicksalswendungen übernahm Josis Tante die Drogerie ihres Mannes, was historisch belegt ist. Manche Bäckerei in Altdorf stand ebenfalls unter weiblicher Leitung. In Luzern eröffneten Witwen Pensionen oder Pensionate für höhere Töchter. Wenn man im Urner Amtsblatt nach Witwe (oder Wwe) sucht, findet man viele Witwen, die ihr Geschäft bewarben.
Besonders beeindruckt haben mich die Schwestern Muheim in Altdorf. Sie bauten eine erfolgreiche Schneiderei auf, beschäftigten weitere Frauen und bildeten sogar Schneiderinnen aus, nachdem sich die Nähmaschine verbreitete. Aber sie blieben ledig.
Und in Flüelen gab es sogar ein zweites Paar, bei dem die Ehefrau das Hotel Park Rudenz führte, während ihr Mann als Bildhauer und Fotograf arbeitete, also genau wie bei meiner Romanfigur Josi und ihr Mann. Solche Lebensgeschichten zeigen, dass weiblicher Unternehmergeist keine Erfindung der Moderne ist.

Viele Frauen entwickelten erstaunliche Geschäftsideen
Die Menschen im 19. Jahrhundert waren oft sehr erfinderisch, wohl, weil sie es sein mussten. Die Wirtschaftslage änderte oft, das Geld war stets knapp. So kamen sehr viele mehreren Nebenerwerben nach. Wer eine Gelegenheit erkannte, nutzte sie. Nachdem die Gotthardbahn eröffnet war, verkauften Frauen Getränke oder Blumen an Reisende, sobald die Züge in Flüelen hielten. Andere kauften Waren in grossen Mengen ein, um sie mit Gewinn weiterzuverkaufen.
Auch meine Romanfigur Josi sucht immer wieder nach neuen Einnahmequellen. Sie verkauft in der Gaststube Waren aus der Drogerie ihres Onkels, bietet Backwaren an und betreibt zeitweise sogar eine Agentur für Auswanderungen. Das habe ich alles in Inseraten gesehen, mit denen sie im Urner Amtsblatt ihre Ware bewarb.
Wo ich unerwartet auf Frauenberufe stiess
Es war einer jener Zufälle bei meinen Recherchen. Ich suchte nach etwas Anderem, als mein Blick im Amtsblatt auf die Eheverkündungen fiel. Früher hiess es bei den Bräuten lediglich "Tochter von...". Etwa ab 1875 erschienen dort zusätzlich Berufsbezeichnungen in einer erstaunlichen Vielfalt. In nur wenigen Jahrgängen des Urner Amtsblattes fand ich auch ganz ungewöhnliche Berufe für Frauen. Ein versteckter Beweis dafür, wie aktiv im Berufsleben die Frauen tatsächlich waren.
Ich fand unter anderem: Schneiderin, Wäscherin, Glätterin, Spinnerin, Magd, Näherin, Stickerin, Weberin, Kellnerin, Köchin, Krämerin, Modistin, Coiffeuse, Haushälterin, Hebamme, Wirtin, Negotiantin, Bäuerin, Gärtnerin, Inhaberin Druckerei, Maschinenarbeiterin, Getränkehändlerin, Papierfabrikarbeiterin, Geschirrmacherin, Landarbeiterin, Uhrmacherin und Zusammensetzungen dieser Berufe wie Weissnäherin oder Zimmermagd.
Ich werte das als ein Zeichen von wachsendem Selbstbewusstsein der Frauen. Ob sie diese Berufe nach der Hochzeit weiterhin ausübten, konnte ich nicht herausfinden.

Frauenarbeit gab es oft – auch wenn man sie kaum beachtet
Wer nur die offiziellen Statistiken betrachtet, unterschätzt den Beitrag der Frauen zum Familienunterhalt erheblich. Viele arbeiteten ihr ganzes Leben lang, ohne jemals offiziell als Erwerbstätige zu gelten. Gerade deshalb lohnt sich der Blick in Zeitungen, Archivakten und Kirchenbücher. Dort werden ihre Geschichten wieder sichtbar.
Diese Recherchen haben auch meine historischen Romane geprägt. Denn hinter vielen scheinbar gewöhnlichen Frauen verbargen sich Mut, Einfallsreichtum und unternehmerisches Denken. Solche Eigenschaften beeindrucken und inspiereien uns bis heute.
Die Frauenarbeit im 19. Jahrhundert war im Kanton Glarus ganz anders. Dazu werde ich einen späteren Beitrag veröffentlichen.
Quellen
Amtsblatt von Uri, verschiedene Jahrgänge
Barben Marie-Louise, Ryter Elisabeth, Hsg.: Verflixt und zugenäht! Frauenbildung – Frauenerwerbsarbeit 1888 – 1988, Zürich 1988
Schweizerische Lererzeitung, 1876
Historische Fakten
Ort: Kanton Uri, Schweiz
Zeitraum: 19. Jahrhundert
Sozialgeschichte: Frauenarbeit, Frauenerwerbsarbeit




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