Säuglingspflege im 19. Jahrhundert - Wie wurden Babys versorgt?
- Eva-Maria Müller

- vor 5 Tagen
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Wickeln, Fläschchen, Schnuller, Kinderwagen...
In Uri und Glarus standen Mütter vor riesigen Herausforderungen. Es gab damals weder Babynahrung noch Babyphon. Oft allein, in abgelegenen Heimet, mussten die Frauen für ihre Kinder sorgen. Die Säuglingspflege war aufwendig. Wie schafften sie das?
Die Hausgeburt war die Norm
Wenn im 19. Jahrhundert eine Frau in die Wehen kam, schickte man nach der Hebamme. Sie leitete die Geburt, wusste Rat. Nur in den seltensten Fällen kam der Arzt hinzu. Leider ziemlich oft auch der Pfarrer, wenn die Mutter oder das Kind die Geburt nicht überlebten.
Die Gefahren der Hausgeburt
Hausgeburten waren die Norm. Viele Babys überlebten aber das erste Lebensjahr nicht. In einer Untersuchung aus dem Kanton Glarus vom Jahr 1774 waren von insgesamt 287 Todesfällen 124 Kinder unter einem Jahr. Leider ist die genaue Todesursache dieser Kinder nicht überliefert. Die hohe Zahl ist jedoch erschreckend und muss für die Mütter belastend gewesen sein. Nicht selten verbanden sie den Tod ihres Babys mit persönlicher Schuld, vor allem in katholischen Gegenden.
Auch die Mütter verstarben oft im Kindbett. Das medizinische Verständnis von Krankheiten war auch im 19. Jahrhundert sehr mangelhaft und oft mit Aberglauben vermischt. Viele Menschen vertrauten lieber auf Amulette oder Rituale als auf ärztlichen Rat. Ärzte waren teuer und selten. Meist war die Hebamme die einzige Person in einem Dorf, die eine medizinische Ausbildung hatte.
Wie ging die Säuglingspflege im 19. Jahrhundert nach der Geburt weiter?
Die Säuglingspflege war ganz anders als heute, weil es die meisten Hilfsmittel für die jungen Mütter noch nicht gab. Ich werde im Folgenden einige Besonderheiten beschreiben, wie sie in ländlichen Haushalten in Uri oder Glarus Brauch waren. Bürgerliche Frauen konnten sich Dinge leisten, von denen die einfachen Stände nicht einmal träumen konnten. Darum geht es hier nicht.
Wiege oder Kinderbett?
Waren die Platzverhältnisse sehr beschränkt, gab es weder das eine noch das andere. Man behalf sich in den armen Familien auf andere Weise: Unter dem Elternbett gab es eine Schublade, die man während der Nacht hervorzog. Dort schlief der Säugling in der Nähe der Mutter. Während des Tages konnte dieses Bettchen aus dem Weg geräumt werden. Sonst legte man das Kind in einem Korb. Den konnte die Mutter leicht herumtragen, damit das Neugeborene immer in ihrer Nähe war.
Warum "wickelt" man ein Baby?
In Uri stiess ich auf das Wort "fätschen". Es bedeutet, dass man einen Säugling mit einer langen Binde fest einwickelte, sodass es sich kaum mehr bewegen konnte. Auch die Ärmchen lagen eng am Körper an. Es war steif wie eine Stabpuppe. Man glaubte, das Kind wachse dann gerade.
Mit «Fäsch» bezeichnete man alle Stoffe, die man für ein Baby benötigte, also z. B. die Nabelbinde, Windeln, auch Fusslumpen, Häubchen und eben die Binde zum Wickeln.

Wie trugen die Mütter ihre Kinder?
Bei meinen Recherchen fand ich zu dieser Frage kaum Material. Einzig auf einem alten Stich fand ich eine Abbildung einer Frau aus Uri, die ihr Kleinkind in einer Art Sack seitlich trägt, damit sie ihre Hände frei hat. Ich habe auch Inserate gesehen, in denen für "Kindertücher" geworben wurde. Ich nehme an, es handelte sich dabei ebenfalls um Tragetücher.

Der Kinderwagen war nur für die Reichen
Ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts verbreitete sich der Kinderwagen auch in der Schweiz. Zuvor behalf man sich mit, oft selbstgebauten, Schubkarren. Aber richtige Kinderwagen konnten sich in Uri und Glarus nur sehr wenige leisten.
Erschwerend kam hinzu: Viele Familien wohnten ausserhalb des Dorfes, wo es nur holperige Wege und keine Strassen gab. Darum war dort der Kinderwagen nicht zu gebrauchen, auch wenn es sich die Mutter wahrscheinlich gewünscht hätte.

Wie behalfen sich die Mütter, wenn sie zu wenig Milch hatten?
Gerade in Hungerzeiten hatten nicht alle Mütter genügend Milch. Darum taten sich die Frauen zusammen und stillten gegenseitig die Säuglinge. Denn eigentliche Ammen waren für die armen Leute zu teuer und in den Dörfern auch nicht immer verfügbar.
Man glaubte, dass die Muttermilch besondere Eigenschaften übertrug. Daher gab es ein Gesetz: Wollten später zwei nicht verwandte Personen heiraten, die aber von derselben Frau gestillt worden waren, durften sie das nicht oder nur mit einer speziellen Erlaubnis (Dispens).
Das Fläschchen: Grund für viele tote Kinder
Schon seit dem Altertum verwendeten Frauen Trinkgefässe für ihre Säuglinge. Die Formen waren vielfältig, genauso wie die Materialien. Man fand Saugflaschen aus Ton, Holz oder Leder. Später benutzte man auch Kuhhörner.
Aber diese Saugflaschen bargen viele Gefahren für die Kinder. Da man im frühen 19. Jahrhundert noch keine Pumpen kannte, mit denen man Muttermilch hätte absaugen können, behalf man sich mit Ziegen- oder Kuhmilch, die nur schwer verdaulich war.
Eine noch grössere Gefahr war die mangelnde Hygiene. Ein Kuhhorn oder einen Lederbeutel konnte man nicht ausreichend reinigen. In der Folge starben die Säuglinge an Durchfall oder an Infektionen.

Der Nuggi (Schnuller)
Wie beruhigt man ein Kind, z. B. wenn es zahnt oder Hunger hat? Man gibt ihm etwas zum Lutschen. In ländlichen Gegenden in Uri und Glarus verwendeten die Mütter häufig kleine Stoffbeutel, in die sie vorgekautes Brot füllten, das mit Honig gesüsst war. Manchmal tunkten sie die Beutel auch in Schnaps, um die Kleinkinder zu beruhigen.

Die Kinderbetreuung durch die Grossmutter: Ein Mythos, der sich hartnäckig hält
Sehr oft wird behauptet, die Grossmutter habe die kleinen Enkel gehütet. Das mag in Einzelfällen stimmen. Aber, wenn eine Frau 16 Kinder hatte, wie die Mutter meiner Protagonistin, bei wie vielen Töchtern konnte sie wohnen und als Babysitter wirken?
Viel häufiger wurden Mädchen ab ca. 10 Jahren zu Verwandten geschickt, um eine Weile auszuhelfen. Sie unterstützten ihre alten Grosseltern oder kümmerten sich bei einer Tante um die kleinen Kinder. Die Protagonistin des Romans "Mädchenträume" wird z. B. ins Isenthal geschickt, weil eine Tante an einer Komplikation während der Schwangerschaft verstorben war und drei kleine Kinder zurückliess.
Zusammenfassung
Die Säuglingspflege im 19. Jahrhundert war aufwendig und mit vielen Gefahren für Mutter und Kind verbunden. Viele Mütter waren extrem beansprucht. Sie mussten gleichzeitig mehrere kleine Kinder betreuen, hatten kaum Hilfe im Haushalt und kümmerten sich um einen Garten. Diese Leistung wurde manchmal nicht wertgeschätzt.
Als Beweis möchte ich ein Zitat aus einer Schrift von 1843 anführen. Es beschreibt das Haus des Jägers Infanger im Isenthal:
„Sein vor zwei Jahren neu erbautes Haus steht als sprechendes Bild der sorgfältigsten Reinlichkeit da. Als Familienvater hält er die musterhafteste Ordnung, ohne welche freilich bei seiner zahlreichen Familie das Hauswesen zerfallen würde; denn nicht weniger als zehn lebende Kinder versammeln sich, wie die Ölzweige, um seinen Tisch.”
Mit keinem Wort erwähnt der Autor die Mutter der Kinder, die wohl eher für die Reinlichkeit des Hauses sorgt als der Jäger, der frühmorgens aus dem Haus geht und erst spätabends zurückkommt…
Quellen:
Heer Gottfried: Sterblichkeit und Todesursachen im letzten Drittel des XVIII. Jahrhunderts. In: Jahrbuch des Historischen Vereins des Kantons Glarus, Nr. 29 (1893)
Schweizerisches Idiotikon, Eintrag Fätschen: https://digital.idiotikon.ch/idtkn/id1.htm#!page/11097/mode/1up
Une Histoire de Biberons: https://www.histoire-du-biberon.com/biberons/sommairebib.htm
Foto Sauggefäss: Photographed by User:Bullenwächter, CC BY-SA 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0>, via Wikimedia Commons
Foto Fatschenkind: Wiki Commons. Wiege mit gewickeltem Jesuskind: Wiege: Holz, Süddeutschland, 1585 Jesuskind: bossiertes Wachs, Süddeutschland, 18. Jh. Krippensammlung des Bayerischen Nationalmuseums, München, Inv. Nr. R 1688. Nina Gockerell: Krippen im Bayerischen Nationalmuseum. 3. Auflage. Bayerisches Nationalmuseum, München 1998, ISBN 3-925058-37-0, Nr. 13
Stich Frau aus Uri: https://world4.eu/traditional-swiss-costumes-canton-uri/#lightbox-gallery-0/0/
Wilhelm Busch, der Schnuller: Wilhelm Busch, GPL <http://www.gnu.org/licenses/gpl.html>, via Wikimedia Commons
Hoffmann Georg: Wanderungen in der Gletscherwelt, Zürich 1843 (Auf der Website ‘Isenthaler’ unter ‘Dokumente’)



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