Wie Preussens Machtpolitik 1860 Uri erreichte: Urner Holz für Preussische Gewehre
- Eva-Maria Müller

- vor 16 Minuten
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Ein überraschender Fund im Urner Amtsblatt
Der Vater meiner Romanfigur Josi war Holzhändler in Flüelen. Darum suchte ich mit dem Stichwort "Holz" im digitalisierten Urner Amtsblatt. Das Ergebnis aus dem Jahr 1860 war ein absoluter Volltreffer: Ich stiess auf eine Ausschreibung, mit der Rohstoffe für die preussische Armee gesucht wurden. Die Inserate erschienen sogar mehrmals.
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Ich konnte kaum glauben, was ich las. Wie kam die preussische Militärmacht dazu, im fernen Uri einzukaufen?
Die militärische Aufrüstung in Berlin greift nach den Schweizer Wäldern
Wir schreiben das Jahr 1860. In Berlin stampft der preussische Kriegsminister Albrecht von Roon gerade eine massive Heeresreform aus dem Boden. Dutzende neue Regimenter werden gegründet. Für die Mobilmachung braucht es Waffen, und zwar in riesigen Mengen. 10'000 Gewehre entsprechen der Ausrüstung einer kompletten Infanterie-Brigade.
Preussen setzte dabei auf modernste Technik: das berühmte Dreyse-Zündnadelgewehr. Die präzisen Angaben im Inserat (Länge: 4 Fuss, 8 Zoll, 8 Linien bei grünem Holz; Dicke: 2 Zoll) zeigen, wie standardisiert die industrielle Rüstungsproduktion bereits war. Damit beim Transport kein unnötiges Gewicht bewegt werden musste, schnitten die Urner Holzhändler die Schäfte grob als sogenannte Kanteln vor. Erst in den deutschen Gewehrfabriken erhielten sie ihre finale Form.

Wie konnte ein neutrales Land 1860 Kriegsmaterial exportieren?
Ein neutrales Land, das Kriegsmaterial für eine europäische Grossmacht liefert? Das macht uns heute stutzig. Doch die rechtliche Realität im Jahr 1860 war eine völlig andere als heute:
Keine Exportverbote
Wir sind in einer Zeit kurz nach der Gründung der Schweiz. Es herrschte ein reiner Wirtschaftsliberalismus. Der junge Bundesstaat griff nicht in private Verträge ein. Ein Holzhändler in Flüelen war absolut frei, Verträge mit preussischen Rüstungsagenten abzuschliessen. Es gab keine Exportbewilligungen, keine Kontingente und keine staatlichen Überprüfungen der Endempfänger.
Warum wurde Nussbaumholz aus Uri für Gewehre gesucht?
Nussbaumholz war der absolute Premium-Rohstoff für Gewehrschäfte. Es ist schwer, extrem zäh, splittert nicht beim brutalen Rückstoss und verzieht sich bei Nässe kaum. Da die Waldbestände in Preussen durch die fortschreitende Industrialisierung chronisch erschöpft waren, suchten Rüstungsagenten im Ausland nach Ersatz. Ich konnte nicht nachprüfen, in welchen anderen Kantonen ebenfalls Holz gekauft wurde.
Uri war im 19. Jahrhundert bekannt für seinen Holzreichtum. Nussbäume wurden wegen des hochwertigen Öls und wegen des begehrten Holzes angebaut. Da der Vater meiner Romanfigur nicht nur eine Sägerei betrieb, sondern auch Holzhändler war, ist es historisch plausibel, dass er sich an dieser Ausschreibung beteiligt hat. Er hatte verwandtschaftliche Kontakte ins Isenthal, wo Nussbäume speziell angebaut wurden.
Wieviele Bäume brauchte es für diesen Auftrag aus Berlin?
Da Nussbäume knorrig wachsen und nur das absolut fehlerfreie astlose Stammholz den Belastungen eines Gewehres standhielt, war der Verschnitt enorm. Für 10'000 Schäfte benötigte man etwa 170 - 250 reife Bäume.
Diese gewaltige Menge wuchs nirgends in einem Wald, sondern verstreut auf einzelnen Höfen, verteilt im ganzen Kanton. Ein Holzhändler brauchte ein gutes Netzwerk, um wenigstens einen Teil des Auftrages zu erfüllen. Führen wir uns das Bild vor Augen: Ein stolzer, 80 Jahre alter Urner Nussbaum, der Generationen Schatten und Nüsse gespendet hatte, endete durch das Sägewerk in Flüelen als rauer Kantel auf einem Dampfschiff Richtung Luzern, um kurz darauf als preussische Waffe europäische Geschichte mitzuschreiben...
Doch der unregulierte Holzhandel hatte eine Kehrseite: Der Kahlschlag in den Gebirgskantonen verringerte den Schutz vor Lawinen und führte zu verheerenden Hochwassern (wie 1868). Erst als Reaktion darauf erliess der Bund 1876 das erste eidgenössische Forstpolizeigesetz.
Wer steckte hinter dem Postfach "H. E. M. in Zürich"?
Das Inserat verlangte Angebote versiegelt an "H. E. M. poste restante in Zürich". Hinter diesen Initialen verbarg sich mit grosser Wahrscheinlichkeit das aufstrebende Zürcher Handelshaus Heusser & Meyer. Zürich entwickelte sich damals zum aufstrebende Finanzzentrum der Schweiz, z. B. mit Alfred Escher, der genau in dieser Ära die Kreditanstalt und die Nordostbahn gründete.
Das Postlagernd-Verfahren (poste restante) hatte wohl einen handfesten wirtschaftlichen Grund: Sobald bekannt wurde, dass eine ausländische Grossmacht dringend Holz suchte, explodierten die Preise. Die Chiffre schützte den Agenten vor Spekulanten und Zwischenhändlern, die das Holz im Kanton Uri vorab aufgekauft hätten, um es teurer weiterzuveräussern.
Uri war im 19. Jahrhundert am Puls der Weltwirtschaft
Die unscheinbare Anzeige im Urner Amtsblatt beweist, wie tief Uri und insbesondere der Hafenort Flüelen schon 1860 in den europäischen Warenverkehr integriert waren. Über den Vierwaldstättersee ging es per Dampfschiff nach Luzern und von dort mit der neuen Eisenbahn direkt nach Europa. Der Urner Rohstoff Holz war so begehrt, dass selbst ausländische Armeen danach griffen und damit den Lebensunterhalt einer Urner Sägerfamilie sicherten.
Quellen
Amtsblatt von Uri, Jahrgang 1860: https://staur-digitalplattform.ch/cat/index.php?catalog=Amtsblatt_Uri_1860
Wikipedia Eintrag Zündnadelgewehr: https://de.wikipedia.org/wiki/Dreyse-Z%C3%BCndnadelgewehr
Abbildung Gewehr: Armémuseum (The Swedish Army Museum), Public domain, via Wikimedia Commons
Historische Fakten
Ort: Uri und Preussen
Zeitraum: 1860
Amtsblatt von Uri: Inserat, das für die preussische Armee Nussbaumholz kaufen will
Zusammenhang: Armeereform unter Albrecht von Roon
Folgen: Holzexport bringt Einkommen, aber gefährdet Urner Wälder





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