top of page
historischer Roman aus Uri - die Urgrossmutter

Leseprobe
aus dem historischen Roman "Mädchenträume"
Band 1 von "Die Urgrossmutter"  

Ein Mädchenleben in Flüelen, Uri, zwischen 1858 und 1875

cover-k.jpg

Historischer Roman "Die Urgrossmutter", Band 1 "Mädchenträume

Der historische Roman Mädchenträume erzählt die Geschichte eines Mädchens, das in Flüelen, Uri, in einer Welt aufwächst, in der es „nur ein Mädchen“ ist. Die folgende Leseprobe ist das erste Kapitel nach der Widmung und dem Prolog. 

Sie führt die Romanfigur Josi ein, die fünf Jahre alt ist, schildert ihr Heim ausserhalb des Dorfes und setzt den Beginn mit einem tragischen Ereignis, das Josis Leben zeichnen wird.

Wörter mit * werden im Anhang erklärt. Dort gibt es zudem ein umfassendes Quellen- und Literaturverzeichnis.

5 Jahre alt

Juni 1858

Josi gähnte und rieb sich die Augen. Mit der rechten Hand tastete sie nach einem ihrer langen, dicken Zöpfe und wickelte ihn um den Zeigefinger. Sie liebte das Gefühl des Haarbündels in ihrer Hand. Wie ein Seil schien es ihr Halt und Sicherheit zu geben. Vorsichtig setzte sich die Fünfjährige auf. Sie wollte einen Blick aus dem weit geöffneten Fenster erhaschen, ohne ihre Ge­schwister aufzuwecken. Die Sonne ließ erst die obersten Spitzen des Gitschen und der Bauenstöcke aufleuchten, den imposantesten Gipfeln der gegenüber­liegenden Bergkette. Sie schienen umso mächtiger, als der Urnersee zu deren Füssen noch im Dämmerlicht des anbrechenden Tages lag.

Die Traurigkeit, die Josi unvermittelt überfiel, war wie ein plötzlicher Re­genschauer, der den Tag trübte. Obwohl sie mit vier Geschwistern das Bett teilte, breitete sich eine plötzliche Kälte aus. Die drei Brüder, die sich ihr ge­genüber aneinander kuschelten, waren seltsam fern, als ob sie Nebel ver­schluckt hätte. Und Maria, die erst seit Elisas Geburt vor drei Monaten neben Josi ebenfalls im großen Bett schlief, vermochte keine Geborgenheit zu ver­mitteln. Sie war mit ihren zwei Jahren noch so klein, dass sie kaum spürbar war.

Mit der Ankunft der jüngsten Schwester wurde es eng, nicht nur im Bett, sondern auch in Mutters Herzen. Mit jedem Neuankömmling schien Josi ein Stück weiter an den Rand gedrängt zu werden, weiter weg von ihrer Wärme und Fürsorge. Jeder Schrei des Säuglings verlangte nach deren vollen Auf­merksamkeit, drängte sie zur Eile, ließ alles andere unwichtig erscheinen. Unwichtig, so fühlte sich Josi seither. Das Neugeborene benötigte die Mutter dringender als sie. Die vielen Kinder verursachten mehr und mehr Arbeit und Sorgen, sogen die mütterliche Liebe restlos auf, sodass für Josi nichts mehr blieb. Als zweitgeborene zählte Josi bereits zu den Großen. Sie musste ver­stehen, sie musste vernünftig sein. Und sie musste sich mehr und mehr um die Kleinen kümmern. Half sie der Mutter, war sie ihr nahe und war für sie wichtig.

Leise schlüpfte sie aus dem Bett und trat ans Fenster. Der Sommer kün­digte sich an. Die würzige Luft einatmend, in der bereits der süße Duft der Linden herüberwehte, schaute sie von der Schlafkammer im oberen Stock in die Ferne zur stolzen Pyramide des Bristen, die den Weg zum Gotthard mar­kierte. Von dort wandte sie ihren Blick zum Garten mit den rankenden Boh­nen, weiter zum Hühnerhof bis zur Ziegenweide, die bis weit zum Waldrand hinaufreichte und noch ein Stück weiter bis zum weitläufigen Obstgarten. Es war so schön hier, dass sie die düsteren Schatten in ihrem Kopf zu vertreiben versuchte. Sie lauschte eine kurze Weile dem Lied der Amsel auf dem höchs­ten Punkt des Nussbaumes, in dessen Schutz sich das Heimwesen der Familie Gisler befand. Das Plätschern des Brunnens vor dem Haus wurde vom gleich­mäßigen Rauschen des Gruonbachs untermalt, der sich unweit des Hauses in den Urnersee ergoss. Noch war alles still, die Hühner und die Ziegen im Stall. Nur die ersten Insekten schwirrten im Sonnenlicht.

Josi liebte den frühen Morgen. Ein paar Augenblicke nur für sich bedeute­ten ihr ganzes Glück. Sie träumte davon, mit der Amsel in den Himmel flie­gen zu können, weit weg, sich unbeschwert und leicht zu fühlen. Wie es wohl war, die Welt von oben zu betrachten? Sie träumte davon frei zu sein, die Dinge zu tun, die sie erfreuten. Sie träumte davon geliebt zu werden, oder wenigstens bemerkt untern den vielen Kindern.

Die Schatten am gegenüberliegenden Ufer zogen sich langsam zurück, um der Sonne Platz zu machen. Mit einem Mal spürte Josi eine ungewohnte Angst in sich aufsteigen. Etwas lag drohend in der Luft. Irgendetwas stimmte nicht, ohne dass sie wusste, woher dieses dumpfe Gefühl stammte. Hatte sie etwas Schlechtes geträumt? Durch die Ritzen des Fußbodens drangen die ver­trauten morgendlichen Geräusche. Alles schien wie immer. Nichts deutete auf ein Unglück hin. Josi hörte ihre Mutter in der Küche das Frühstück zuberei­ten. Sie machte Feuer, hantierte mit Töpfen und bald lockte der Duft von Haferbrei und Kaffee.

Innerlich aufgewühlt, zog das Mädchen ihr Sommerkleid über, griff nach einem Wolltuch, um die Frische des jungen Tages abzuhalten. Josi hörte ihre Mutter durch die Stube in die Schlafkammer der Eltern gehen, um das neu­geborene Schwesterlein zu holen. Auf Zehenspitzen, schlich das Mädchen zur Zimmertür, als ein gellender Schrei die morgendliche Idylle durchschnitt. Es war ein Schrei, so spitz und durchdringend, wie sie noch keinen gehört hatte. Ein Schrei, der durch Mark und Bein ging  ̶  und er stammte von ihrer Mutter. Josi erschrak fürchterlich, ihr Atem setzte für einen Augenblick aus, ihr Herz klopfte bis zum Hals, Schweiß trat aus allen Poren.

Nun waren auch ihre Geschwister aufgewacht. Ihre Brüder drängten zur Tür, stießen sie grob zur Seite. Im Bett begann Maria zu weinen. Josi war hin- und hergerissen. Am liebsten wäre sie auch losgelaufen, um zu erfahren, was der Mutter zugestoßen war. Doch Maria konnte die Treppe noch nicht sicher alleine hinuntergehen. Gewohnt, auf ihre jüngeren Geschwister aufzupassen, ging Josi zurück, hob Maria aus dem Bett und stellte sie auf die kleinen Füß­chen. An der Hand führte sie das immer noch weinende Kind Stufe um Stufe hinunter. Wie lähmend langsam die Kleine war! Was hätte Josi dafür gege­ben, selbst loszurennen. Die Buben brauchten sich nicht um die Schwester zu kümmern. Weitere Schreie ertönten von unten. Ungeduldig zog Josi an Marias Hand: „Jetzt mach schon!”  Ein herzerweichendes Schluchzen der Mutter und ein lautes „Nein!” vermischte sich mit den aufgeregten Stimmen der Brüder.

Die beiden Mädchen traten als letzte in die Küche, wo die Mutter auf einem Stuhl am Tisch saß, schluchzend und in sich zusammengesunken. Wirre Haare hingen um das verweinte Gesicht. Was war bloß los? Josi wagte kaum zu atmen. So aufgewühlt hatte sie die Mutter noch nie gesehen, so ver­zweifelt und wie von Sinnen. Sie drückte das Händchen der Schwester fester, die jetzt lauter weinte. Die Mutter presste ihr jüngstes Mädchen an die Brust. Immer wieder schrie die Mutter dessen Namen: „Elisa, nein! Jesses Maria und Sankt Josef, Elisa! Heilige Mutter Gottes, nein, Elisa!” Sie heulte und weinte und jammerte wieder und wieder „Elisa!”

Nun trat der Vater von draußen in den Raum. Im angebauten Ziegenstall hatte er den Lärm gehört. Er ließ seinen Blick über die befremdliche Szene schweifen, während er den Kessel mit der frischen Ziegenmilch auf den Küchentisch stellte.

„Was ist denn hier los?” Er blickte auf seine Frau, auf den Säugling in ihren Armen, die Schar Kinder, die mit weitaufgerissenen Augen in einiger Entfernung auf ihre Mutter starrten, und fragte: „Was ist? Ist etwas mit Elisa?”

Die Mutter drückte das Kind fester an sich und wurde von einer neuen Welle Tränen erfasst: „Elisa”, stieß sie nur kläglich hervor. Allmählich be­griff der Vater, was geschehen sein musste. Er fasste an das reglose, kalte Köpfchen seiner Jüngsten, hielt seine Hand unter das Näschen, um sich zu vergewissern, dass sie nicht mehr atmete. Erschrocken zog er seine Hand zurück. Was hatte dies zu bedeuten? Unschlüssig druckste er ein wenig herum und meinte schließlich: „Wie konnte das passieren? Was hast du getan?”

Die Mutter schaute ihn erschrocken an. Diese Frage war ein Stich in ihr Herz. War es nicht genug, dass ihr Kind tot war? Trug sie tatsächlich Schuld? Hatte sie zu wenig aufgepasst? Sie beugte sich beschützend über ihr Kind, ohne zu antworten, noch immer völlig aufgelöst.

„Was ist passiert? Warum ist das Kind tot?”, doppelte der Vater nach. Er klang unsicher, auch wenn er versuchte, bestimmt zu wirken.

Seine Frau seufzte. Sie wollte ein wenig Festigkeit in ihre Stimme bringen. Doch es gelang ihr nicht. Schließlich stieß sie unter Schluchzern hervor: „Ich weiß es nicht. In der Nacht war sie unruhig. Sie war ziemlich blass und schwitzte. Das ist nichts Ungewöhnliches. Ich stillte sie und sie entspannte sich. Eben schlief sie noch friedlich in ihrem Bettchen. Ich zog mich an, be­reitete das Frühstück. Wie jeden Morgen. Als ich sie zum Stillen holen wollte, war sie nicht mehr.”  Die Mutter zitterte am ganzen Leib. „Es* hat sie geholt. Einfach so. Ich habe nichts getan. Jesses Maria, was wird denn jetzt? Gott sei uns gnädig. Vergib uns unsere Sünden. Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt für uns”, schluchzte sie mit ersterbender Stimme.

Die Mutter hatte am Morgen geglaubt, der kleine Engel schlafe friedlich, als sie aus dem Zimmer ging. Sie hatte nicht bemerkt, dass Lisa tot und der Körper bereits erkaltet war. Darum saß der Schock so tief, als sie den Leich­nam in ihre Arme schloss.

Der Vater war genauso ratlos wie der Rest der Familie. Dieser Tod kam völlig unerwartet. Wie konnte ein Kind einfach so sterben? Elisa war nicht krank gewesen. Im Gegenteil, ein ruhiges Kind, das bereits ein wenig Speck angesetzt hatte. Die Geburt war problemlos verlaufen. Alle hatten sich über das wonnige Bébé* gefreut, auch wenn es wieder nur ein Mädchen war. Und nun dies. Er spürte Unmut aufsteigen. Das Jammern seiner Frau und Marias Weinen zerrten an seinen Nerven. Er hasste es, wenn die Dinge nicht nach Plan liefen. Er hasste Gefühlsausbrüche. Er hasste es, nicht Herr der Lage zu sein. Heute hatte er eine wichtige Besprechung mit einem Kunden. Er hatte keine Zeit für ein totes Kind.

„So haben wir halt ein Wohlgängerli* im Himmel. Elisa wird sicher ein guter Schutzengel für uns alle sein”, brummte er verlegen. Niedergeschlagen strich er seiner verzagten Frau über den Kopf, wusste nicht, was er sonst tun oder sagen sollte. Eine Weile lang stand er unruhig von einem Bein aufs andere. Als sich seine Frau nicht beruhigte, zeichnete er schließlich ein Kreuz auf Elisas Stirne.

„Heilige Maria, Mutter Gottes, bitt für uns, jetzt und in der Stunde unseres Todes”, murmelte er.

„Amen”, antworteten die Kinder mechanisch. Die Mutter schluchzte erneut auf.

„Und jetzt hör auf zu jammern. Beruhige dich. Weinen und Klagen machen sie auch nicht mehr lebendig”, murrte der Vater ungeduldig. Doch die Mutter saß in Tränen aufgelöst da und klammerte sich an den Säugling.

Schließlich räusperte er sich und meinte: „Wir wissen nicht, warum der Herrgott sie so schnell wiederhaben wollte. Legen wir unser Schicksal in seine Hände.” Zu seiner Frau gewandt fügte er an: „Es kommt sicher bald ein Neues. Elisa war noch klein. Sie hat kaum gelebt. Was heulst du denn so? Immer mal wieder stirbt so ein Würmchen, das weißt du doch.” Ein wenig ungehaltener fügte er noch hinzu: „Es bleiben dir ja noch fünf andere Kinder. Reiß‘ dich gefälligst zusammen. Die brauchen dich.” Das Schluchzen der Mutter übertönte seine Worte.

„Du weißt doch, dass ich heute den Lusser treffe, um mit ihm einen neuen Vertrag auszuhandeln. Das ist mein wichtigster Kunde. Da kann ich nicht zu spät kommen. Ihr Weiber könnt nur heulen und jammern. Schluss jetzt.”

Hatte die Mutter richtig gehört? Bedeuteten dem Vater seine Kinder denn gar nichts? Die Geschwister blieben reglos, wie angewurzelt stehen. Sie ver­standen nicht, was vorgefallen war, und wussten nicht, was sie tun sollten. Es war über die Familie hereingebrochen, hatte einfach so die gewohnte Ord­nung zerstört. Von diesem Augenblick an, war nichts mehr so, wie es zuvor gewesen war.

Maria zappelte und wimmerte, sodass Josi ihre Schwester endlich losließ. Schnurstracks watschelte die Kleine zur Mutter, wollte auf ihren Schoss klet­tern, doch diese bemerkte gar nicht, dass ein weiterer Spross an ihrem Rock zerrte. Immer noch beugte sie sich über ihr Jüngstes und weinte verzweifelt. Maria setzte sich auf den Boden und stimmte mit Gebrüll in deren Klagelied ein. Niemand beachtete sie.

Schließlich schob der Vater die Kinder zur Seite, schritt durch die Stube in die Schlafkammer der Eltern. Er legte die Stallkleider ab und zog seinen besten Anzug an. Sorgsam flocht er die Kette der Taschenuhr durch ein Knopfloch seiner Weste, vergewisserte sich, dass er die Pfeife und etwas Ta­bak eingesteckt hatte und fuhr sich mit einem Blick in den Spiegel über der Kommode durch die Haare und über den Schnurrbart. Er hob die Schublade unter dem Bett, die während der Nacht als Kinderbettchen diente, auf die Kommode, entfernte das Bettzeug und kehrte in die Küche zurück.

„Gib mir das Kind. Wir müssen es aufbahren. Wenn ich den Lusser treffe, gehe ich gleich zum Pfarrer. Er soll herkommen, Elisa segnen und mit dir die Beerdigung besprechen. Ein Glück war sie getauft. Ich sage dann auch dem Leichenhuhn* sowie deinen Eltern Bescheid.”

Noch immer umklammerte die Mutter das Kleine mit festem Griff und wollte es nicht hergeben. Sie wollte nicht wahrhaben, dass es gestorben war, dass keine Liebe der ganzen Welt es je zurückbringen würde. Sie wollte es liebkosen, ihm die Brust geben, damit neuer Lebenssaft es endlich aufweckte. Elisa schlief doch sicherlich nur. Das hier war nur ein Alptraum. Es konnte nicht wahr sein. Vermochte ihre Mutterliebe ihr Kind nicht zu retten? War sie nicht stark genug?

Der Vater hatte keine Geduld. Ihm war das Geschehen unheimlich. Er musste dem ein Ende setzen, damit das Leben weitergehen konnte. Mit sanf­tem Druck löste er das Kind aus der mütterlichen Umarmung, trug es in die Kammer. Er legte es in das leere Kinderbettchen, öffnete das Fenster und zündete anschließend zwei Kerzen an. Er tauchte seine Fingerspitzen ins Weihwassergeschirr und zeichnete damit ein großes Kreuz über dem Körper des Kindleins.

Die Mutter setzte sich voller Kummer an den Stubentisch, hatte keinen Blick für die wartende Kinderschar in der Küche. Der Vater blickte unruhig auf seine Taschenuhr und schloss die Türe hinter sich. Zurück in der Küche, goss er jedem Kind etwas Ziegenmilch ein und verteilte den Haferbrei, damit sie frühstücken konnten. Zögerlich und schweigend löffelten sie. Niemand wagte zu fragen, was los sei. Niemand verstand, was Es angerichtet hatte. Mit der kurzen Anweisung, während seiner Abwesenheit brav zu sein, verließ der Vater das Haus. 

Die Mutter saß derweil mit gefalteten Händen in der Stube. Den Blick starr auf den Herrgottswinkel* gerichtet, ihren Rosenkranz als Rettungsanker hal­tend, bewegte sie lautlos die Lippen im Gebet. Sie erflehte Erbarmen vom Gekreuzigten, ihr die Sünden zu vergeben und ihre Kinder zu verschonen. Sie bat die Muttergottes um Beistand, um Kraft sowie um Sicherheit. Sie be­schwor die himmlischen Heerscharen und sämtliche Heiligen, den Allmäch­tigen gnädig zu stimmen. Schließlich bat sie ihr verstorbenes Töchterlein, als Engel in Zukunft die Familie zu beschützen.

Das Gebet vermochte sie allmählich zu beruhigen. Ein Ruck lief durch ihren Körper, als sie in ihrem Herzen eine Kammer öffnete. Dort sperrte sie ihren Schmerz und ihre Trauer ein. Fest verschloss sie den Raum, sodass sie ihren Kummer nicht mehr spürte. Ihr Mann hatte recht. Nebenan warteten fünf Kinder, um die sie sich kümmern musste. Da gab es keinen Platz, keine Zeit für Herzweh.

In der Küche spürte Josi Mutters Qualen, als ob es ihre eigenen wären. Sie kniete auf die Holzbank, sammelte die Löffel ein, stellte die Schüsseln und Becher zusammen. Wie ein Stein drückte der Schmerz in ihrer Brust, erschwerte das Atmen. Elisa war tot. Josi spürte Mutters innere Leere, ihre Verzweiflung, ihre Hilflosigkeit, sie spürte den Abgrund, der sich eben ge­öffnet hatte. Viel hätte sie darum gegeben, der Mutter beistehen zu können, doch sie wusste nicht wie. Sie trug das Geschirr zum Brunnen und spülte es ab. Maria hatte sich beruhigt. Sie saß nun auf dem Küchenboden und klopfte mit einem Holzstück auf den harten Stein. Josi traten Tränen in die Augen.

Nach einer langen Weile seufzte die Mutter tief. Sie richtete sich auf, strich ihren Rock gerade und legte den Rosenkranz zurück zum Gekreuzigten neben den vertrockneten Stechpalmenzweig. Mit geübtem Griff löste sie die Kämme, um ihre Haare neu zu richten. Auch sie ging hinüber in die Schlaf­kammer, um ihr totes Kind mit Weihwasser zu segnen. Kerzengerade betrat sie schließlich die Küche, wo sie sich schweigend am Herd zu schaffen machte. Als Josi das saubere Geschirr hereintrug, strich sie ihr wortlos über den Kopf. Josi wusste, von jetzt an würde sie die Mutter noch mehr brauchen als bisher. Sie war die einzige, die ihr helfen konnte. Von jetzt an, würde sie einen Teil ihrer Last tragen müssen.

Inzwischen war der Vater hinüber zur Sägerei gegangen. Er gab den bei­den Gesellen Anweisungen, bevor er mit kräftigen Schlägen gegen Flüelen* ruderte. Thomas, der ältere Geselle, öffnete die Schleuse des Kanals, der wei­ter oben vom Gruonbach abgezweigt war. Bald setzte sich das mächtige Wasser­rad ächzend in Bewegung. Wenig später dröhnte die Umgebung des Hauses wie jeden Tag. Josi mochte den Lärm nicht. Er war metallisch hart und furchteinflößend. Es war ein unentwegtes Poltern und Schlagen, ein Rau­schen und Klirren, ein Hämmern und Klopfen, das durch Mark und Bein ging. Der Lärm begleitete sie schon ihr Leben lang, von früh bis spät. Er zeugte von einer unbändigen Kraft, die ein fünfjähriges Mädchen im Nu hätte zermalmen können. Lärm bedeutete Gefahr.

In Josis kindlicher Fantasie war das Sägewerk ein Monster, vor dem sie sich in Acht nehmen musste. Es bestand aus Stangen und Zahnrädern, aus meterlangen Riemen und gewaltigen Ketten, aus Drähten und Seilen, die alle geheimnisvoll miteinander verbunden waren. Die einzelnen Teile bewegten sich gegenseitig und vermochten die drehende Bewegung des Rades in das Auf-und-Ab des Sägeblattes zu übersetzen. Mit tausend spitzen Zähnen fraß es sich unerbittlich durch die dicken Stämme, rauf-runter-rauf-runter, und nach jedem Runter verschob sich der Baum mit einem Ruck um ein kleines Stück, damit das Sägeblatt neues Futter fand. Kaum war ein Brett fertig ab­geschnitten, wurde der Stamm auf einem Schlitten, der sich auf Schienen bewegte, zurückgezogen, von wo sich das Blatt erneut durch das Holz fraß.

Der Vater hatte das Haus sowie die Sägemühle vor der Heirat selbst gebaut. Das Anwesen lag weit außerhalb des Dorfes und war nur über den See erreichbar. Einzig ein schmaler Holzsteg führte über den Gruonbach, da­nach ein holperiger Fußpfad ins Zentrum von Flüelen. Die Abgeschiedenheit bedeutete für die Familie eine gewisse Freiheit, weil keine Nachbarn jeden Schritt beobachteten. Sie bedeutete aber auch Einsamkeit. Jeder Austausch mit anderen Menschen war anstrengend und nur selten fand jemand den Weg hierher.

Gerade jetzt dehnte sich für die Mutter die Strecke ins Dorf ins Unermess­liche, keine dreißig minütige Ruderfahrt, nein, sieben Ozeane trennten sie von ihren Verwandten dort. Niemand hatte sie vor der Hochzeit darauf vorberei­tet, was es hieß, so weit entfernt zu wohnen. Sie war in Flüelen im Gasthaus Adler aufgewachsen, stets umgeben von vielen Menschen. Sie sah fremde Reisende und hörte, was sich in der Welt ereignete. Keine Minute war sie allein gewesen.

Hier war sie allein, seit sieben Jahren schon. Die nächsten Nachbarn lebten am anderen Bachufer, etwa fünfzehn Minuten entfernt. Es waren die Witwe Arnold und ihr unverheirateter Sohn Toni, die einen kargen Hof bewirtschaf­teten. Er war zu klein zum Leben und zu groß zum Sterben. Kränklich und schwach wie beide waren, hätte sich die Mutter in ihrer Not nicht an sie wen­den können. Sonst gab es hier nur die Stimmen des Waldes, die schroffen Felswände und das pausenlose Lied des Baches. Es würde lange dauern, bis der Pfarrer endlich hier war.

Nun taumelte die Mutter in einen bodenlosen Abgrund, ohne Aussicht auf eine rettende Hand. Ihr Mann war weg, die Säge lärmte. Die Kammer in ihrem Inneren, die den Schmerz und die Trauer einschloss, leckte. Quälend zerfraß der Verlust ihr Herz. Ihre Seele schrie, ohne von irgendjemandem gehört zu werden. Am liebsten hätte ihr trockener Mund ihr Leid ausgespuckt, um es loszuwerden. Doch es klebte hartnäckig in ihrem Inneren. Trotz des sonnigen Tages befand sie sich in einem tosenden Sturm. Sie hätte sich sogar gewünscht, er trüge sie mit sich fort, irgendwohin, wo es Linderung gab.

Allein musste sie einen Weg finden, keine Stütze weit und breit. Nur ihre verstörten Kinder. Für die musste sie sorgen, weil sie noch lebten. Sie musste eine Stärke zeigen, die sie nicht fühlte. Ein toter Säugling durfte sie nicht in Gefahr bringen. Sie musste sich dem Leben widmen, musste das Wetter nut­zen, um für den langen Winter vorzusorgen. Jeder Tag zählte.

Nochmals gab sich die Mutter einen Ruck. Sie musste das durchstehen. Sie nahm Maria auf den Arm, befahl den beiden Buben und Josi, sie in den Garten zu begleiten, damit sie die Kinder im Auge behalten konnte. Klaus hatte bereits die Ziegen aus dem Stall gelassen und trieb sie zur Weide, ganz oben am Waldrand. Die Mutter setzte Maria auf den Boden und schloss sorg­sam die Gartentüre hinter sich. Das war für sie sehr wichtig. Der Zaun um­schloss das Eigen*, wie die Urner ihr Grundstück nannten.

Um sich abzulenken, wollte die Mutter den schönen Tag nutzen. Es gab gerade alle Hände voll zu tun, damit die Ernte später reichlich ausfiel. Karot­ten und Krautstiel aussäen, das Bohnenbeet jäten und wässern, den Kartoffel­acker aufhäufeln. Für Totengebete war jetzt keine Zeit. Die mussten warten. Die Lebenden waren wichtiger. Wenn schon ein Kind hatte sterben müssen, so sollten die übrigen wenigstens im Winter nicht hungern.

Etwas von der Mutter entfernt, lockerte Josi kniend den Boden zwischen den Gemüsen und zupfte Unkraut, während die Kleinen mit Steinen ein Spiel spielten, das nur sie verstanden. Die Mutter konnte sich nicht richtig auf ihre Arbeit konzentrieren. Ihre Gedanken ließen ihr keine Ruhe. Sie blickte hin­über zu ihrem zweistöckigen Blockhaus, das seit sieben Jahren ihr Heim war. Es wirkte freundlich und einladend. Mit Steinen beschwerte Schindeln schützten vor der Witterung. Bergseits war ein kleiner Stall für die Ziegen, den Bock und für die Hühner angebaut. Seit sieben Jahren hatte sie es zu einem wohnlichen Heim gemacht, in dem sich alle geborgen fühlten. Seit sie­ben Jahren hatte sie die Familie beschützt, für sie gekocht und sie gepflegt, und auch gebetet. Sieben Jahre lang hatte sie ein bescheidenes Glück gekannt. Und nun war Es unvermittelt über sie gekommen und hatte ihr ein Kind ge­raubt. Warum nur? War dieses bescheidene Glück zu viel verlangt? Sie wollte nicht hadern, auch wenn sie gerade von einer neuerlichen Welle von Trauer gepackt wurde. Sie hätte sich gewünscht, ihr Mann wäre hier, würde sie be­gleiten nach dem schrecklichen Verlust. Sie musste, nein sie wollte trotzdem zufrieden sein.

Mit einem Ruck richtete sich die Mutter auf, legte das Gerät säuberlich beiseite.

„Kommt, Kinder, wir sollten etwas essen. Der Pfarrer kommt sicher bald. Dann wollen wir alle gemeinsam für Elisa beten, damit sie in den Himmel kommt.”

Sie hob Maria auf, ließ die Kinder durch die Gartentür treten und schloss sie gewissenhaft hinter sich.

Möchten Sie erfahren, was Josi in den kommenden Jahren alles erlebt?

Dann erfahren Sie dies im Roman "Mädchenträume". Sie können ihn gleich hier auf der Website oder in jeder Buchhandlung kaufen.

Cover Historischer Roman Die Urgrossmutter Band 1 Mädchenträume von Eva-Maria Müller

Buchdaten

  • Autorin: Eva-Maria Müller

  • Umfang: 488 Seiten

  • Historischer Roman

  • Erzählzeit: 1858 – 1875

  • Ort: Flüelen und Isenthal

  • gebundene Ausgabe: Fr. 34.90 plus Porto

  • E-Book (PDF, ePub): Fr. 15

Leserinnen und Leser sind begeistert 

Kostproben aus dem Feedback

Einmaliges Zeitkolorit

Eliane Latzel

Ehem. Kantonsbibliothekarin Uri

"Jahr für Jahr folgen wir der Chronologie der Geschichte und der Entwicklung des Dorfes Flüelen, des Kantons Uri und darüber hinaus der Region Zentralschweiz. Es entsteht ein einmaliges grosses Zeitkolorit in Romanform. Die Autorin hat intensiv recherchiert. Die Geschichte wird zur Bühne, auf ihr die junge, neugierige und in sich gekehrte Josi."

 

Super spannend

Doris Kagerbauer
Ehem. Chefsekretärin

"Gestern habe ich gegen Abend angefangen und das Manuskript in einem Zug gelesen. Und, was soll ich sagen…Dein Schreibstil ist super. Unterhaltsam, kurze Sätze, wenig "Füllmaterial" und einfach SUPER SPANNEND!!!!!!"

 

Eine Bereicherung

Nina Schett
"Dein Buch ist eine Wucht. So spannend geschrieben – ich habe es in zwei Tagen ausgelesen. Sehr sehr gut geschrieben und beschrieben. Man konnte sich in die alte Zeiten reinversetzen. Eine Bereicherung.Freue mich schon auf den nächsten Band."

 

Vermehrt mit Geschichte befassen

Hildegard Zurfluh

"Dein Roman hat mich gefesselt und zum Nachdenken angeregt.

Das kleine Mädchen Josi in deinem Roman zu begleiten, Jahr für Jahr, sein Leben, seine Gedankengänge und Gefühle mit zu verfolgen, das hat mir sehr gefallen und hat mich betroffen gemacht. Die historischen Ereignisse die du beschreibst geben Anlass sich wieder vermehrt mit der Geschichte zu befassen, aber auch warum und wo wir Frauen heute stehen.
Ich freue mich bereits auf die Fortsetzung von Josis Geschichte."

 

Einiges Neues gelernt

Carl Waldis
www.gotthardbahn.ch

Ich fand den Roman spannend und "ring" zu lesen.
Trotz sehr vieler historischer Informationen wird er nie belehrend, sondern bringt die historischen (Hintergrund-)Informationen passend "by the way". Das macht eben nach meinem Empfinden das Lesen des Romans so einnehmend.
Auch als Leser mit urnerisch historischem Hintergrundwissen habe ich einiges Neues dazugelernt."

 

Die Vielseitigkeit des Buches hat mich begeistert

Marcelle Indergand-Rietmann

Ihr Buch "Mädchenträume", die Geschichte Ihrer Urgrossmutter, habe ich mit grossem Interesse gelesen. Sie beschreiben die himmelschreiende Benachteiligung und Geringschätzung den Frauen des 19. Jahrhunderts gegenüber so eindrücklich und einfühlsam. Doch da kommt auch ein entscheidender Lichtblick zum Zuge. Die neue Frauengeneration, die Ihrer Urgrossmutter, stellt vieles in Frage und setzt sich trotz grossen Widerstandes durch. Das hat sich ja bis heute von Generation zu Generation fortgesetzt – obwohl manchmal dieses und jenes noch nicht so ist, wie es sein sollte.

Begeistert hat mich auch die Vielseitigkeit des Buches. Gerade in geschichtlicher Hinsicht wurde bei mir so einiges, was ich in der Schule gelernt habe, wieder aufgefrischt. Da waren die Kriege, die das Land bedrohten und die Tatsache, dass Uri durch den Bau von Strassen, der Bahn und der Tunnel das Tor zum Süden wurde. Ich bin in Flüelen aufgewachsen. Bildhafter und eindrücklicher hätte man die touristischen,  geschichtlichen und ortsbezogenen Einzelheiten, die ja bis in die Gegenwart nachwirken, nicht beschreiben können."

Mehr Testimonials finden Sie auf der Seite "Feedback".

Was die Presse über mich geschrieben hat, finden Sie auf der Seite "Pressespiegel".

Wie gefällt Ihnen der historische Roman "Mädchenträume"? Ich freue mich über Ihr Feedback. Nehmen Sie mit mir Kontakt auf!

Historische Recherche

Flüelen im 19. Jahrhundert vom Gruonbach aus mit Ruderboot und Holz für die Sägerei

Flüelen vom Gruonbach aus gesehen. Josis Haus war nur mit dem Ruderboot oder zu Fuss erreichbar.

Josis Geschichte ist nicht frei erfunden, sondern beruht auf intensiver Recherche in Archiven und historischen Quellen. Die gefundenen Fakten habe ich miteinander zu einem historischen Roman verwoben.

Damit die vielen Details, die im Roman keinen Platz fanden, nicht verloren gehen, schreibe ich in einem historischen Blog über unterschiedliche Themen aus dem 19. Jahrhundert.

Ich habe z. B. einen Beitrag über den Beruf der Hebamme und über die Säuglingspflege verfasst, oder was ein Vogt war.

Schauen Sie rein, es gibt laufend neue Artikel!

bottom of page