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Wie arbeiteten Hebammen in Uri und Glarus im 19. Jahrhundert?

Aktualisiert: 2. Juli


Auf einen Blick

Im 19. Jahrhundert fanden Geburten in Uri und Glarus fast immer zuhause statt. Hebammen begleiteten die Frauen während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Sie waren medizinische Helferinnen, Vertraute und zugleich Amtspersonen. Da sie Schwangerschaften dokumentieren und den Behörden melden mussten, bewegten sie sich ständig zwischen Schweigepflicht und staatlicher Kontrolle. In vielen Berggemeinden war die Hebamme die wichtigste Fachperson für Gesundheit und Geburt, aber auch die Vertraute der Frauen.

Wo brachten Frauen im 19. Jahrhundert ihre Kinder zur Welt?

Eine Hebamme hält ein Neugeborenes
Bis weit ins 20. Jahrhundert waren Hausgeburten üblich. Die Hebamme betreute die Frauen zuhause.

Wer im 19. Jahrhundert in Uri oder Glarus ein Kind erwartete, brachte es meist in der eigenen Stube zur Welt. Geburtskliniken gab es in den ländlichen Regionen kaum. Die vertraute Umgebung sollte der Gebärenden Sicherheit geben.


Während der Geburt wurden ältere Kinder häufig zu Verwandten oder Nachbarn geschickt. Männer hielten sich meist in einem anderen Raum oder ausser Haus auf. Die Geburt galt als Angelegenheit der Frauen.


Gebärstuhl aus dem 19. Jahrhundert aus Uri. In der Sitzfläche gibt es eine Aussparung für das Kind und die Nachgeburt
Ein Gebärstuhl aus Uri aus dem 19. Jahrhundert.

Zur Ausstattung vieler Hebammen gehörte ein tragbarer Gebärstuhl. Man konnte ihn platzsparend zusammenklappen. In wohlhabenden Familien stand manchmal ein eigenes Modell bereit. Der Gebärstuhl nutzte die Schwerkraft und erleichterte das Gebären in aufrechter Haltung. Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts setzte sich zunehmend die Geburt im Bett durch.


Nach der Geburt wurde auch die Nachgeburt sorgfältig untersucht. Um sie rankten sich zahlreiche Volksglauben und regionale Bräuche. Manche Familien begruben sie in Hausnähe, andere entsorgten sie auf andere Weise.


Welche Ausbildung hatten Hebammen im 19. Jahrhundert?

Über Jahrhunderte wurde Hebammenwissen vor allem von erfahrenen Frauen an jüngere weitergegeben. Mit dem Aufkommen der modernen Medizin entstanden im 19. Jahrhundert erste geregelte Hebammenausbildungen.


Die Kurse wurden meist von Ärzten geleitet. Voraussetzung waren oft Lesen und Schreiben sowie ein guter Leumund. In vielen Kantonen unterstützten die Gemeinden die Ausbildung finanziell, weil ausgebildete Hebammen dringend benötigt wurden.


Im Gegenzug mussten sich die Teilnehmerinnen häufig verpflichten, mehrere Jahre in ihrer Heimatgemeinde zu arbeiten. Wer diese Verpflichtung nicht erfüllte, musste die Ausbildungskosten zurückerstatten.


Für Frauen bot der Hebammenberuf eine seltene Möglichkeit, eine qualifizierte und gesellschaftlich angesehene Tätigkeit auszuüben. Da Frauen bevogtet waren, brauchten sie die Erlaubnis durch die Väter oder Ehemänner, um selbst Geld zu verdienen. Darum waren Hebammen in jeder Hinsicht speziell.


Was enthielt ein Hebammenkoffer?

Im Kanton Uri glaubten manche Kinder, die Hebamme bringe die Kinder in ihrer Tasche zu den Frauen. Auch sonst wirkte deren Inhalt auf die einfachen Menschen mysteriös, weil sie Dinge enthielten, mit denen man sonst nicht in Berührung kam.


Ein Hebammenkoffer aus dem 19. Jahrhundert: der Hebamme standen nur wenige Instrumente zur Verfügung.
Eine Hebammenausstattung aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Sehr wenige Hilfsmittel standen der Geburtshelferin zur Verfügung.

Das Blechköfferchen aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts offenbart einige gebräuchliche Gegenstände, die einer Hebamme zur Verfügung standen: ein Klistier für Einläufe, zwei Fläschchen mit Schnaps, einen Fiebermesser, ein Hörrohr aus Holz oder Blech, eine Nabelschere in der Form eines Storches, verziert mit einer Kröte, dem Symbol für die Gebärmutter, eine Dammzange, eine Seifendose.


Daneben hatte sie Kräutermischungen und einfache Arzneien dabei. Aber auch etliche Gegenstände der Volksmedizin, wie etwa Wehenkreuze oder Ignatiuswasser. Mit einem Kamm, den sich die Gebärenden in die Handflächen drückten, versuchte man die Schmerzen zu lindern. Mit einem Säckchen, gefüllt mit Zittergras, dem so genannten Luussäckli (Läuse), sollten grosse Schmerzen abgewendet werden, und so weiter.


Ein Fläschchen mit Weihwasser durfte bei katholischen Hebammen nicht fehlen. Es war wichtig, die Kinder sofort nach der Geburt taufen zu können, wenn sie nicht lebensfähig waren, damit sie ins Paradies aufgenommen werden konnten.


Wie lebten und arbeiteten Hebammen in den Berggemeinden?

Die Zahl der Hebammen war gering. Im Kanton Uri versorgte oftmals eine einzige Hebamme mehrere hundert Einwohner. Viele Wege legte sie zu Fuss zurück – bei jedem Wetter und zu jeder Tages- und Nachtzeit.


Der feste Jahreslohn fiel bescheiden aus, etwa 30 Fr. pro Jahr. Hinzu kamen sogenannte Sporteln, also Gebühren für einzelne Dienstleistungen. Wohlhabendere Familien bezahlten diese in Geld, ärmere Haushalte häufig mit Naturalien. Konnte eine Familie die Kosten nicht tragen, übernahm oft die Gemeinde die Auslagen.


Die Hebamme war weit mehr als eine Geburtshelferin. In abgelegenen Tälern war sie oft die einzige Person mit medizinischen Grundkenntnissen. Sie wurde bei Krankheiten gerufen, betreute Wöchnerinnen und stand Familien in Krisenzeiten bei.


Für viele Frauen war sie die wichtigste Vertrauensperson überhaupt. Themen wie Schwangerschaft, Sexualität oder Eheprobleme wurden selten öffentlich besprochen. Die Hebamme hörte zu, beriet und bewahrte zahlreiche Geheimnisse.


Warum standen Hebammen zwischen Vertrauen und Kontrolle?

Die besondere Stellung der Hebammen brachte auch Pflichten mit sich. Die Behörden verlangten, dass sie Schwangerschaften dokumentierten und entsprechende Register führten. In ihrem Hebammenbuch musste sie alle Schwangerschaften dokumentieren.


Besonders heikel waren uneheliche Schwangerschaften. In einer Zeit, in der voreheliche Beziehungen gesellschaftlich und rechtlich sanktioniert wurden, mussten Hebammen mit den Behörden zusammenarbeiten. Sie waren verpflichtet, Angaben zur Vaterschaft weiterzugeben oder entsprechende Untersuchungen zu unterstützen.


Dadurch gerieten sie oft in einen Konflikt: Einerseits standen sie den Frauen nahe, andererseits waren sie dem Staat verpflichtet.


Hinzu kam die Verantwortung bei schwierigen Geburten. Katholische Hebammen führten bei Lebensgefahr eines Neugeborenen eine Nottaufe durch. Deshalb trugen sie ein Fläschchen Weihwasser bei sich. In den Augen der Bevölkerung vereinte die Hebamme medizinisches Wissen, religiöse Aufgaben und volkstümliche Heilkunst.


Gerade diese Mischung aus Fachwissen, Intimität und besonderer Verantwortung machte Hebammen zu den bedeutendsten Frauenfiguren der dörflichen Gemeinschaft.


Zusammenfassung

Im 19. Jahrhundert war die Hebamme für eine Frau eine zentrale Figur. In den abgelegenen Tälern ersetzte sie oft Arzt oder Pfarrer. Sie war die Hüterin von altem Wissen. Obwohl sie nur wenig verdiente, genoss sie grosse Anerkennung. Ohne Hebammen hätten die Frauen nicht überleben können.


Historische Quellen

Die vergessenen Frauen hinter den Quellen

Archive liefern Daten, Verordnungen und Protokolle. Doch hinter jedem Eintrag stand ein Mensch: eine junge Mutter, eine Hebamme auf einem nächtlichen Fussmarsch oder ein Kind, dessen Schicksal von einer einzigen Geburt abhing.


Diese Frauen haben die Geschichte ihrer Dörfer mitgeprägt, obwohl ihre Stimmen nur selten überliefert wurden.


In meinen historischen Romanen lasse ich die Lebenswelten von Uri und Glarus im 19. Jahrhundert wieder lebendig werden. Wenn Sie erfahren möchten, wie Frauen dieser Zeit zwischen Armut, gesellschaftlichen Zwängen und persönlicher Hoffnung ihren Weg fanden, lade ich Sie ein, meine Romane zu entdecken.

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