Frauenerwerbsarbeit im 19. Jahrhundert: in Glarus mussten die Frauen in die Fabrik
- Eva-Maria Müller

- vor 14 Stunden
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Konnten viele Frauen im Kanton Uri ausser Haus eher selten arbeiten, war im Kanton Glarus das Gegenteil der Fall. Frauenerwerbsarbeit war im 19. Jahrhundert weit verbreitet, weil die Löhne der Männer so niedrig waren, dass die ganze Familie zum Unterhalt beitragen musste. Das heisst, auch Frauen und Kinder arbeiteten in der Fabrik.

Warum die Situation im Kanton Glarus ganz anders war als in Uri
Die Urner Wirtschaft war im 19. Jahrhundert geprägt vom Transit über den Gotthard sowie von der Landwirtschaft. Hier gab es überwiegend Kleinbetriebe, eigentliche Fabriken entstanden erst gegen Ende des Jahrhunderts, als auch der Tourismus immer wichtiger wurde.
Die Situation im Kanton Glarus war grundlegend anders als in Uri. Einige meiner Vorfahren aus Ennenda gehörten zur wirtschaftlichen Elite des Kantons. Mein Ururgrossvater führte als erster mechanische Webstühle im Kanton Glarus ein. Dafür erhielt er den Übernamen "der Garnherr". Seine Fabriken, und bald viele andere, machten Glarus zu einem Vorreiter der Industrialisierung.
Doch der technische Fortschritt schritt in England noch schneller voran. Schon wenige Jahre später waren seine Maschinen veraltet. Nach einem Fabrikbrand und einer Überschwemmung geriet sein Unternehmen in eine Krise. Die politischen Unruhen in Europa und in der Schweiz führten schliesslich zum Niedergang seiner Firma. Er verlor sein gesamtes Vermögen. Diese wahre Geschichte bildet einen wichtigen Teil meines neusten Romans.
Obwohl der Kanton Uri und der Kanton Glarus beides kleine Gebirgskantone sind, verlief ihre wirtschaftliche Entwicklung gänzlich unterschiedlich.
Uri
Transit über den Gotthard: Personen, Güter und Spedition
Landwirtschaft, Viehzucht
Später Tourismus und Alpinismus
Kleingewerbe
Frauen arbeiteten oft im Familienbetrieb
Glarus
Industrialisierung setzt früh ein, weil Handelshäuser Kapital haben
Fabriken und Heimarbeit (Spinnen)
Kleingewerbe
Landwirtschaft
Ganze Familien abhängig von Lohnarbeit
Die ganze Familie arbeitete in der Fabrik
Mit der Zeit arbeiteten ganze Familien in den Fabriken, Männer, Frauen und auch Kinder. Die Abhängigkeit von den Fabrikherren sowie von der europäischen Wirtschaftslage war enorm. Bei Krisen sanken die Löhne so tief, dass sie auch mit 12 – 14-stündigen Arbeitstagen kaum zum Überleben reichten.
Da viele Fabriken in kurzer Zeit öffneten und nur Jahre später wieder eingingen, waren Fabrikarbeiter oft nicht sesshaft. Sie wechselten je nach Arbeitslage den Wohnort. Das führte dazu, dass viele junge Leute schon vor der Heirat bei den Eltern auszogen, während sie in Uri oft bis zur Hochzeit blieben. Fabrikherren errichteten Wohnhäuser für ihre Arbeiterfamilien, später auch Heime für ledige Frauen, um sie an den Betrieb zu binden.
Der Lohn eines Mannes reichte oft nicht aus
Selbst ein voll arbeitender Mann konnte seine Familie oft kaum ernähren. Deshalb gingen auch Frauen und Kinder einer bezahlten Erwerbsarbeit nach. Studieren wir Lohntabellen für Arbeiter und Fabrikarbeiterinnen, fällt sofort der grosse Unterschied zwischen Männern und Frauen auf. Die Löhne der Männer waren tief. Aber die Löhne der Frauen und Kinder waren noch viel niedriger. Darum waren sie als Arbeitskräfte beliebt.
Trotzdem waren die wenigen Rappen Lohn für einen ganzen Arbeitstag für die Leute überlebenswichtig. Für den Schulbesuch blieb oft keine Zeit, auch wenn eigentlich schon seit dem frühen 19. Jahrhundert eine Schulpflicht herrschte. Gerade für Mädchen schien es nicht so wichtig, dass sie regelmässig am Unterricht teilnahmen. Noch in den 1860er Jahren heisst es in unserer Familienchronik, dass meine damals zehnjährige Urgrossmutter für ihren Vater den Haushalt führen musste und deswegen, die Schule oft versäumte.

Der Alltag der Fabrikarbeiterinnen
Es waren eintönige und dennoch kräftezehrende Arbeiten in Spinnereien, Webereien, Textildruckereien, Bleichereien oder mechanischen Werkstätten. Die Arbeitsplätze waren oft heiss und laut. Hinzu kamen giftige Dämpfe und gefährliche Maschinen. Unfälle waren häufig, Versicherungen gab es nicht. Wer sich verletzte, verlor nicht nur seine Gesundheit, sondern oft von einem Tag auf den anderen auch sein Einkommen.
Die Frauen durften eine halbe Stunde früher in die Mittagspause, um schnell eine Mahlzeit auf den Tisch zu bringen, bevor sie zurück zur Arbeit gingen. Oder die Arbeiter assen am Arbeitsplatz mitgebrachtes Essen, das mit Farbe bespritzt war… Frauen durften sechs Wochen vor und nach der Geburt nicht in der Fabrik arbeiten.
Frauenerwerbsarbeit in Glarus: Frauen trugen die doppelte Last
Die Industrialisierung eröffnete den Frauen zwar neue Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Sie stemmten nun aber die Doppelbelastung von Familie und Fabrikarbeit, obwohl sie dafür sehr schlecht entlohnt wurden. Wenn die Männer am Sonntag in Wirtshaus sassen, besorgten sie Haus und Garten. Viele Kinder blieben stundenlang unbeaufsichtigt, weil sie niemand betreute.
Aber Gleichberechtigung brachte sie ihnen nicht. Trotz ihrer harten Fabrikarbeit blieben sie rechtlich von ihren Ehemännern abhängig. Frauenerwerbsarbeit gehörte im Glarnerland längst zum Alltag, aber Bürgerrechte oder gesellschaftliche Anerkennung erhielten sie deswegen nicht.
Quellen
Familienchronik der Familie Müller aus den 1940er Jahren
Bartel Otto und Jenny Dr. Adolf: Glarner Geschichte in Daten. 3 Bände, Glarus 1926
Brunner Christoph H.: Glarner Geschichte in Geschichten. Glarus 2004, von dort stammen die Abbildung der Fabrikbelegschaft und des Budgets.
Dürst Elisabeth: Die wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse des Glarnerlandes an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Der Übergang von der Heimindustrie zum Fabriksystem. Diss. Glarus 1951
Historische Fakten
Ort: Kanton Glarus
Zeitraum: 19. Jahrhundert
Industriegeschichte: Textilindustrie
Soziale Bedingungen: Heute würde man "Working Poor" sagen
Sozialgeschichte: Doppelbelastung der Frauen




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