Was ist die Aussegnung?
Die Aussegnung wurde auch Muttersegen genannt. Dieser Brauch war im 19. Jahrhundert in ländlichen Gegenden in der Schweiz stark verwurzelt. Schon im Alten Testament bestand die Vorstellung, dass eine Frau durch Schwangerschaft und Entbindung "unrein" wurde (Lev. 12,1-8). Durch das Ritual der Aussegnung wurde sie "rein" und durfte wieder am Gottesdienst teilnehmen und zur Kommunion gehen.

Das Ritual der Aussegnung
Im Verlauf der Zeit veränderte sich das Ritual. Es unterschied sich auch in verschiedenen Gegenden. Im Kanton Uri wartete die Mutter bei einer Seitentüre der Kirche, bis der Priester, mit Chorrock und Stola bekleidet, zu ihr kam. Ein Ministrant begleitete ihn mit Weihwasserspritzer und Schemel, auf den sich die Kindbetterin zu knien hatte. Der Geistliche gab ihr eine brennende Kerze in die Hand, führte sie mit gleichzeitigem Auflegen der Stola zum Muttergottesaltar, wo die Segensgebete gesprochen wurden. Nach dieser Segnung blieb die Mutter noch eine Weile auf der Altarstufe knien.
Die Aussegnung ist sowohl in der katholischen als auch in der reformierten Kirche belegt. Ich habe Zeugnisse dafür auch in Bayern und Österreich gefunden.
Die Aussegnung und der Volksglaube
Im Kanton Uri war ein "magisches Denken" bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts tief in der Bevölkerung verwurzelt. In dieser Weltanschauung erlebten sich die Menschen oft von bösen Mächten bedroht. Sie konnten sich mit Ritualen und Regeln vor deren Zugriff schützen. Auch im Bereich des eigenen Hauses hatten sie keinen Einfluss. Wie uns zahllose Sagen erzählen, wurden Menschen, die Regeln verletzten, oft sehr brutal dafür bestraft. Es war eine Mischung aus religiösem Empfinden und magischem Ritual, weder reines Gebet noch Hexerei. Eine ganz eigene Welt eben.
In Zeiten des Übergangs, wie z. B. während der Verlobungszeit oder während und nach der Geburt eines Kindes war der Schutz geschwächt. Von da rührt die Vorstellung, Verlobte dürften nach dem Läuten der Betglocke am Abend das Haus nicht mehr verlassen. Es gab genaue Regeln dafür, wie lange eine Wöchnerin das Haus nicht verlassen durfte, um nicht mutwillig ein Unglück auf sich zu ziehen. Sie durfte auch kein fremdes Eigentum betreten, weil sie sonst auch dort böse Mächte auf sich hätte ziehen und andere ebenfalls in Gefahr hätte bringen können. Die Aussegnung stärkte ihren Schutz und führte sie zurück ins Alltagsleben.
Die Dachtraufe als Bannkreis
Bevor Dachrinnen in Gebrauch waren, tropfte das Regenwasser auf den Boden und zeichnete eine Spur, die Dachtraufe. Diese Linie trennte die private Sphäre von der Aussenwelt. Innerhalb der Dachtraufe stand man im Schutzbereich des Hauses. Geister oder böse Mächte konnten nicht weiter als bis an die Dachtraufe herankommen.
In diesem Zusammenhang macht es Sinn, dass eine Mutter das Haus bis zur Aussegnung nicht verlassen durfte. Es ging daher nicht nur um die Vorstellung von "Unreinheit", sondern auch um den Schutz der Frau im geschwächten Zustand nach der Geburt.
Trotzdem: In manchen Gegenden durfte die Frau neun Tage lang das Bett und während 60 Tagen das Haus nicht verlassen. Wenn ich mir vergegenwärtige, dass es damals kein fliessendes Wasser gab und man Holz herbeischleppen musste, dann war der Alltag einer Wöchnerin bestimmt sehr schwierig.
Die Verweigerung der Aussegnung
Die Aussegnung konnte Frauen auch verweigert werden. Ledige Mütter waren von diesem Segen ausgeschlossen. Auch geschiedene Frauen oder Frauen in einer Mischehe durften oft den Segen nicht empfangen. Das muss vor allem für ledige Mütter sehr belastend gewesen sein, hätten sie doch einen besonderen Schutz bestimmt gebraucht.
Die Aussegnung heute
Meine Verwandten haben mir noch vom Ritual der Aussegnung erzählt. Sie empfanden es als zutiefst beschämend, weil sie vor der ganzen Kirchgemeinde quasi "von einer Sünde befreit" wurden. Alle, die es selbst erlebt hatten, waren froh, dass dieser Brauch heute nur noch selten praktiziert wird.
Noch während meiner Schulzeit wurden Mädchen und Frauen oft als "unrein" angesehen. Ich habe so etwas selbst erlebt. Unsere Maturareise führte uns ins Burgund. Wir Mädchen wurden von der Besichtigung eines Weinkellers ausgeschlossen. Die Begründung lautete: "Falls jemand von den Mädchen gerade die Menstruation hätte, würde das den Wein verderben."
Die Aussegnung hat sich in einen Muttersegen verwandelt. Falls sie heutzutage durchgeführt wird, soll er Mutter und Kind segnen und die Dankbarkeit für die gelungene Geburt zum Ausdruck bringen.
Quellen
Bär-Vetsch Walter: Kraft aus einer anderen Welt. Zeichen und Handlungen des Volksglaubens und der Volksfrömmigkeit in Uri. Altdorf 2019. Publiziert auf urikon.ch
Wöchnerinnen segnen, Artikel auf kreuzgang.org
Bild: The Walters Art Collection, crative common license
Historische Fakten
Zeitraum: 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts
Volksfrömmigkeit: Mütter müssen nach der Geburt "wieder rein werden", bzw. sie brauchen einen besonderen Schutz.
Ort: Schweiz und Europa





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