Ungetaufte Kinder – warum die Taufe so wichtig war
Beim Prozess gegen Marianne Hauser von Näfels wirkte ein Umstand strafverschärfend: Sie soll ihr neugeborenes Kind getötet haben, ohne es zuvor taufen zu lassen. Warum wog das so schwer?
Nach dem damaligen katholischen Glauben war die Taufe entscheidend für das Seelenheil eines Menschen. Ein Kind, das ungetauft starb, konnte nicht in den Himmel gelangen. Indem Marianne ihrem Kind die Taufe verweigert haben soll, nahm sie ihm nach damaliger Vorstellung nicht nur das Leben, sondern auch die Aussicht auf das ewige Heil.

Warum die Taufe so wichtig war
Im katholischen Glarus gehörte die Taufe zu den ersten und wichtigsten Handlungen nach der Geburt. Die meisten Kinder wurden wenige Tage nach ihrer Geburt getauft. Denn die Kindersterblichkeit war hoch, und der Tod konnte jederzeit eintreten.
Die Taufe bedeutete weit mehr als die Aufnahme in die kirchliche Gemeinschaft. Nach damaliger Vorstellung wurde mit ihr die Erbsünde abgewaschen und dem Kind der Weg zum ewigen Heil eröffnet. Ein ungetauft verstorbenes Kind blieb dagegen für immer von der unmittelbaren Anschauung Gottes ausgeschlossen.
Auch glaubten viele, der Teufel habe während der Geburt besonders leichtes Spiel und reisse die ungeschützte Kinderseele an sich. Die Furcht der Eltern um das Neugeborene mit der Vorstellung, der Teufel könnte sich der unschuldigen Seele bemächtigen, war grauenvoll.
Für die Eltern bedeutete der Tod eines ungetauften Kindes deshalb eine doppelte Tragödie: Sie verloren ihr Kind und mussten zugleich um sein ewiges Schicksal bangen. Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Vorwurf gegen Marianne Hauser so schwer wog. Aus heutiger Sicht sind Tod und fehlende Taufe zwei verschiedene Dinge. Für die Menschen im damaligen Glarus konnten sie untrennbar miteinander verbunden sein: Wer einem Kind willentlich die Taufe vorenthielt, nahm ihm nach dieser Vorstellung nicht nur die Zugehörigkeit zur christlichen Gemeinschaft, sondern auch die Hoffnung auf das ewige Leben.
Wohin kam ein ungetauftes Kind nach dem Tod?
Die Vorstellungen darüber waren unterschiedlich. Nach einer weit verbreiteten theologischen Auffassung kamen ungetaufte Kinder in den Limbus, die sogenannte Vorhölle. Dort mussten sie zwar keine Höllenstrafen erleiden, weil sie ja keine Sünden hatten begehen können, blieben aber für immer von der Anschauung Gottes ausgeschlossen.
Im Volksglauben von Uri waren die Vorstellungen teilweise noch viel düsterer. Man erzählte von ungetauften Kinderseelen, die keine Ruhe fanden und als Geister, Irrlichter oder Wiedergänger umhergingen. In manchen Sagen waren sie sogar den Mächten des Teufels schutzlos ausgeliefert.
Man muss sich vor Augen halten, was das für Eltern bedeutete. Ein totes Kind war nicht einfach ein Kind, das „zu früh von Gott zu sich genommen“ worden war. Wenn es ungetauft starb, war seine Seele in aller Ewigkeit verloren.
Deshalb versuchte man alles, um die Taufe zu ermöglichen
Die Angst ging so weit, dass man auch in aussichtslosen Situationen noch versuchte, eine Taufe zu ermöglichen. Drohte ein Kind während der Geburt zu sterben, wurde es möglichst rasch herausgeholt, damit es getauft werden konnte. Bei akuter Lebensgefahr konnte die Hebamme selbst die Nottaufe vornehmen. Sie trug immer ein Klistier bei sich, mit dem sie zur Taufe Weihwasser in den Bauch der Schwangeren spritzen konnte. Sie durfte auch taufen, wenn auch nur ein Fingerchen zu sehen war.
War ein Kind bei der Geburt bereits tot, versuchte man eine Erweckungstaufe. Man brachte verstorbene Kinder zu bestimmten Wallfahrtsorten und hoffte auf ein kurzes Lebenszeichen, das die Taufe ermöglichen würde.
Die kleinen Leichen wurden vor ein Heiligenbild gelegt. Ein warmer Luftstrom, der von einem glühenden Kohlebecken oder brennenden Kerzen aufstieg, wärmte die kleinen Körper. Wenn das eigentlich tote Kind dann Zeichen gab, d. h., wenn Farbveränderungen der Haut, Bewegungen oder Nasenbluten sichtbar wurden, galt das Kind als wieder zum Leben erweckt.
Andernorts wurde dem Kind eine Vogelfeder über die Lippen gelegt. Wenn sich diese Feder wegen der Thermik bewegte und so den Atem vortäuschte, wurde das Kind kurz für lebend erklärt. Solche Erweckungstaufen waren zwar kirchenrechtlich nicht erlaubt, doch die Sorge der Eltern war offenbar so gross, dass dieser Brauch lange weiterlebte.
Was das für den Fall Marianne Hauser bedeutet
Vor diesem Hintergrund wird verständlich, warum der Fall der Marianne Hauser die Menschen ihrer Zeit so erschütterte. Ein Kind, das ohne Taufe starb, war nach ihrer Vorstellung nicht auf dem Weg in den Himmel. Und wenn eine Mutter ihr Kind absichtlich sterben liess, bevor es getauft werden konnte, konnte das deshalb als besonders schwere Tat erscheinen.
Gerade deshalb ist es wichtig, einen solchen historischen Fall nicht allein mit unseren heutigen Vorstellungen zu beurteilen. Wir müssen zu verstehen versuchen, was die Menschen damals glaubten und wovor sie Angst hatten. Die Taufe war für sie eine Frage des ewigen Lebens. Das erklärt, warum eine Mutter, die ihr Kind ungetauft sterben liess, in den Augen ihrer Zeitgenossen etwas besonders Ungeheuerliches getan hatte.
Quellen
Osterhazy Fridolin (Hauser Fridolin): Marianne Hauser von Näfels, *30. Juli 1797 +10. Dezember 1827. Letzter Gang zum Galgenbüchel, Eigenverlag 1983, Typoskript beim Autor
Bär-Vetsch Walter: Kraft aus einer anderen Welt. Mehrere Artikel zum Thema Taufe und ungetaufte Kinder. Veröffentlicht auf Urikon.ch
Bild von Pixabay
Historische Fakten
Zeitraum: 19. Jahrhundert bis Anfang 20. Jahrhundert
Volkglaube: ungetaufte Kinder sind für immer von der Anschauung Gottes ausgeschlossen
Juristisch: Kindesmord eines ungetauften Kindes verlangt nach strengster Strafe
Katholizismus





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