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Warum ist Ahnenforschung der mütterlichen Linie wichtig?

vor 8 Minuten
6 Min. Lesezeit

Der Auftrag

Das Interesse für meine Vorfahren begann mit einer großen Schachtel voller Dokumente, die mir meine Mutter hinterlassen hat. Es waren Briefe, Tagebücher, Schulaufsätze, alte Fotos, Ahnentafeln und Chroniken, die verschiedene Familienmitglieder im Laufe der Zeit erstellt hatten. Teilweise reichten sie zurück bis ins 14. Jahrhundert, als meine Vorfahren Bürgermeister von Zürich waren.


Unter all den Papieren berührte mich am meisten der Entwurf zu einem Brief, den meine Mutter an mich hatte schreiben wollen, aber nie abgeschickt hat. Ich fand ihn nur durch Zufall in all den Dokumenten. Er enthielt die folgende Passage:

Aber nun, wohin damit? Ich meine, nur zur Unterhaltung will ich diese kostbaren Dokumente niemandem geben. Bei dir, bin ich sicher, dass sie gewürdigt werden und du Verständnis hast. Ich wünsche mir, dass du damit etwas Sinnvolles machst.

Ich empfand ihre Worte als Aufforderung, mich mit meinen Ahnen zu beschäftigen. Mich zog es vor allem zu meinen weiblichen Vorfahren. Ich betrieb Ahnenforschung der mütterlichen Linie und erzählte in bisher zwei Romanen aus deren Leben.


Der Stammbaum: Frauen fehlen

Schnell war ich fasziniert von den vielen Lebensgeschichten. Mein detektivischer Spürsinn war geweckt, und ich suchte im Staatsarchiv Uri nach mehr Information.


Als ich den Stammbaum meiner Vorfahren fand, war ich erstaunt. Ich sah darauf nur die Namen der Söhne. Die Töchter fehlten. Wie war das möglich?


Ahnenforschung der mütterlichen Linie: auf dem Stammbaum fehlen die Töchter
Auf diesem Stammbaum meiner Vorfahren sind nur die Söhne aufgelistet

Das ist leider keine Einzelfall. Das Interesse der Ahnenforschung, wie der Geschichtsschreibung überhaupt, richtete sich meist nur auf die männlichen Mitglieder einer Familie. Sie vererbten den Namen, sie waren im Erbrecht bevorzugt, sie gründeten Dynastien oder wichtige Firmen. Sie häuften Vermögen an oder errangen auf den Schlachtfeldern Ruhm und Ehre. Sie waren Künstler oder Erfinder. Sie erforschten die Welt. Das prägte das gesellschaftliche Bild, dass nur Männer wichtige Taten vollbracht hätten und Frauen gänzlich nebensächlich seien.


Von der anderen Hälfte der Bevölkerung wusste man nur wenig, manchmal nicht einmal deren Namen. Was nicht aufgeschrieben wird, gerät in Vergessenheit.


Ahnenforschung in der mütterlichen Linie

Ich empfand es daher als Aufgabe, diesen vergessenen Frauen eine Stimme zu verleihen. Ich möchte Geschichten erzählen, die sich um Frauen aus dem Volk drehen. Nicht um die Ausnahmen, die wenigen Unternehmerinnen, Künstlerinnen oder Forscherinnen.


Die Frauen aus dem Volk waren es, die uns das Leben schenkten. Sie waren es, die ihre Familien trotz Hunger, Krieg oder Krankheiten so weit durchbrachten, dass wir heute leben. Sie verdienen daher unseren allergrössten Respekt.


Neben diesen oft ungeheuren Leistungen sind unsere weiblichen Vorfahren aber auch wichtig, weil sie uns mehr vererben, als den meisten bewusst sein mag.


Was die Mütter vererben

Frauen waren Trägerinnen von verschiedenartigem Wissen. Lange Zeit kümmerten sie sich als Hebammen fast ausschliesslich um die Geburten. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts geriet die Gynäkologie mehr und mehr in die Hände von Ärzten und Spitälern.


Im Alltag gaben die Mütter ihren Töchtern ihr Wissen über Haushaltsführung weiter. Sie kannten die Techniken, um Lebensmittel anzubauen, zu konservieren und zu kochen. Sie suchten im Wald und auf den Wiesen nach essbaren Kräutern, Beeren oder Nüssen. Gerade in Hungerzeiten hätten viele Kinder ohne dieses Wissen nicht überlebt.


Es waren mehrheitlich die Mütter, die für die religiöse Erziehung ihrer Kinder zuständig waren. Sie beteten mit ihnen, führten sie in Riten und Bräuche ein. Sie gaben den Kindern und Enkelkindern den spirituellen Halt.


Mütter vererben oft Kenntniss über Medizin und Kräuter.
Unsere Mütter und Urgrossmütter wussten viel über natürliche Heilmittel.

Schliesslich hatten sie auch viele medizinische Kenntnisse, denn Ärzte gab es in den Dörfern nur wenige und oft waren sie zu teuer. Daher kurierten die Mütter mit Kräutern und Umschlägen ihre kranken Kinder oder sich selbst.


Als die Medizin im Verlauf des 20. Jahrhunderts immer mehr technisiert wurde, gerieten viele dieser weiblichen Kenntnisse in Vergessenheit. Oftmals verspottete man sie als "altmodisch" oder - schlimmer noch - als "Aberglauben".


Heute erkennt man den Wert des alten Heilwissens wieder vermehrt. Sogar die Wissenschaft bestätigt die Wirkung von gewissen alten Rezepten, die auf Kräutern beruhen. Unsere Ahninnen vererben uns daher einen reichen Schatz an Überlebenstechniken in schwierigen Zeiten.


Die Erlebnisse während der Schwangerschaft

Wenn eine Frau mit einem Mädchen schwanger ist, verbinden sich drei Generationen in einem Körper: Die Mutter, die ungeborene Tochter und die Eizellen im Fötus. Was eine Frau während der Schwangerschaft erlebt, prägt daher unweigerlich auch zwei Generationen nach ihr.


Die Produktion und Neuanlage von Eizellen endet bei einem weiblichen Fötus rund um die 20. Schwangerschaftswoche. Zu diesem Zeitpunkt ist der Vorrat an Eizellen für das gesamte Leben des Mädchens vollständig angelegt. Danach werden nie wieder neue Eizellen gebildet.


Es macht daher Sinn, sich mit seinen weiblichen Vorfahren zu beschäftigen, weil wir oft Traumata erben, auch wenn uns dies nicht bewusst ist. Gerade in Kriegszeiten erlebten viele Menschen seelische Schocks. Oftmals schwieg man über solche Erlebnisse.


Wenn man Familiengeheimnisse aufdeckt, kann dies zu einem Heilprozess bei sich selbst führen. Es ist möglich, dass man durch etwas belastet ist, das vor langer Zeit geschah. Gerade die zermürbenden Erlebnisse der Frauen wurden oft nicht ernst genommen oder als "normal" eingestuft.


Darüber hinaus zeigt auch die Genetik, wie wichtig die mütterliche Linie bei der Vererbung ist.


Die mitochondriale DNA (mtDNA)

Während die klassische Ahnenforschung auf schriftlichen Überlieferungen beruht, ermöglicht die Genealogie über die Vererbung der DNA einen biologischen Zugang zur Abstammung.


Mitochondrien sind die „Kraftwerke“ der Zellen und kommen in fast allen Zellen von Menschen, Tieren und Pflanzen vor. Ihre Hauptaufgabe ist: Energie produzieren.


Mitochondrien sind etwas Besonderes. Sie haben eine eigene, kleine Erbsubstanz (DNA), die unabhängig vom restlichen Zellkern ist. Forscher glauben, dass sie vor Jahrmillionen einmal eigenständige Bakterien waren, die mit den Urzellen verschmolzen sind.


Da Mitochondrien ausschliesslich über die Eizelle weitergegeben werden, erbt jedes Kind seine mtDNA ausschliesslich von der Mutter. Väter geben ihre Mitochondrien nicht an die Nachkommen weiter.


Die DNA der Mitochondrien verändert sich über Jahrtausende nur minimal. Darum kann man mit dieser Methode feststellen, zu welcher übergeordneten Volksgruppe jemand gehört. Die eigene Familiengeschichte lässt sich bis zu einer "Urmutter" zurückverfolgen, die mehrere tausend Jahre vor uns gelebt hat.


Antworten auf viele Fragen

Je länger ich mich mit meinen Vorfahren beschäftige, desto deutlicher spüre ich eine innere Verbindung. Das ist nicht immer angenehm, weil ich ihre Nöte intensiv wahrnehme. Bei meinen Urner Vorfahrinnen war es oft Einsamkeit. Allein, ausserhalb des Dorfes, aufzuwachsen oder eine Familie aufzuziehen, das bot nur wenige Kontaktmöglichkeiten. Bei meiner Urgrossmutter war es auch ein starkes Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, benachteiligt zu sein, nur, weil sie ein Mädchen war.


Bei den Glarner Ahninnen überwiegen Gefühle von Schuld und Scham. Sie wurden gedemütigt und ausgegrenzt, verloren ihren sozialen Rückhalt. Oft waren sie sich selbst überlassen, mussten eigenständig um ihr Überleben kämpfen. Daraus entwickelten sie aber eine eigene Stärke. Sie können uns heute Vorbilder sein, wie wir aus Schicksalsschlägen neue Kraft schöpfen können.


Diese unterschiedlichen Gemütslagen kenne ich aus meinem Leben. Durch die Ahnenforschung fand ich Erklärungen und konnte mich von fremden Lasten befreien. Ich spürte aber auch eine Stärke, die mir über die Beschäftigung mit den Wurzeln zufloss. Je mehr ich erfuhr und immer noch erfahre, desto befreiter von alten Bürden fühlte ich mich.


Respekt und Bescheidenheit

Millionen Frauen weltweit erlebten und erleben Zurückweisung und Verachtung aufgrund ihres Geschlechtes. Es ist unverständlich, wenn man bedenkt, dass die Mütter das Leben schenken und für das Überleben der Kinder sorgen. Sie verdienen den allergrössten Respekt, ganz egal in welchen Verhältnissen sie ihren Alltag fristen.


Wenn man sich mit der Ahnenforschung der mütterlichen Linie beschäftigt, sollte dies auch zu Bescheidenheit führen. Oft hören wir von Leuten, die sich stolz brüsten, welche grossartigen Taten sie vollbracht und welche enormen Ziele sie erreicht haben. Manche glauben, dies "ganz alleine geschafft" zu haben.


Aber, ganz egal, wie gut oder wie schlecht das Verhältnis zu den eigenen Eltern war, sie haben uns das Leben geschenkt. Sie waren zwei Menschen. Vor ihnen lebten vier, vor denen acht, vor denen bereits 16, die alle mitgewirkt haben, dass es uns heute so gibt, wie wir sind. Es waren daher über viele Generationen hinweg tausende Vorfahren an unseren Leistungen beteiligt. Jede und jeder hat uns etwas mitgegeben, was zum Erfolg beitrug, ganz besonder die Mütter. Sie bilden zusammen ein Netz, das uns durch Krisen zu tragen vermag.


Mich macht dieser Gedanke bescheiden und dankbar.


Fazit

Die Ahnenforschung der mütterlichen Linie ist zwar viel schwieriger zu erforschen als diejenige der väterlichen Linie. Sie kann uns aber ganz unerwartete Einsichten bescheren. Auch gibt die weibliche Linie Auskunft über unsere Abstammung von Volksgruppen und erklärt manchmal seelische Belastungen, für die wir in unserem eigenen Leben keine Berührungspunkte finden.


Im nächsten Beitrag werde ich erzählen, wie ich viele Informationen gefunden habe, obwohl so wenig über die Frauen festgehalten wurde.


Quellen

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